Die lange Fahrt zurück

Oktober 14, 2011

Was mich anging, so war die Segelflugsaison in Europa beendet. Vielleicht, als ich zum letzten Mal in Puimoisson aufsetzte, vielleicht als ich hinter der Seitenflosse der sorgfältig verstauten LS-1 die Anhängerklappe zuzog, oder vielleicht auch erst, als ich allen zurückbleibenden Flugplatzbewohnern sowie meinen Kollegen Fabi, Daniel und Joachim zwei- oder dreimal mehr die Hand geschüttelt hatte und schlussendlich ins Auto stieg.

Wie immer war ich ohne Navi unterwegs und breitete eine große Straßenkarte der Provence auf dem Beifahrersitz aus. Aus der Luft kannte ich die Berge auswendig und war mit dem Tanz durch die Luftströme und Naturkräfte der französischen Alpen mittlerweile fast so vertraut wie mit dem Fliegen „daheim“. Doch was für eine weltfremde Idee, den Weg nach Norden diesmal nicht entlang der höchsten Bergzüge und Thermikwolken zu suchen, sondern in engen Passkehren und tiefen, gewundenen Tälern dem Asphalt folgen zu müssen! Hinauf nach Briancon, dann über den Mongenevre nach Italien, durchs Susatal in die Po-Ebene und über Turin, Mailand und Verona zum Brenner hinauf in die Nordalpen.

Es wird eine lange Fahrt werden, denke ich, während meine Blicke ständig von der Straße fort gezogen werden: Dort oben, an der Kante des Asse-Tals, haben Daniel und ich einmal am späten Nachmittag den ersten leisen Hauch von einem Rotor erwischt, nachdem wir uns aufgrund der wenig aufschlussreichen Wetteroptik schließlich ein Herz gefasst und doch noch zum Start durchgerungen hatten. Irgendwann stießen wir ins laminare System durch und konnten wenig später aus 3500 m Höhe betrachten, wie die Asse und ihr Tal im Süden mit der Durance Bekanntschaft machen. Weit, weit dahinter am Horizont verriet ein hell spiegelndes Leuchten das Ziel der Flüsse: Das Mittelmeer.

Ich will gerade weiter schwärmen und in Gedanken den Weiterflug durchgehen, im aufbauenden Nordwestwind der Trick mit Chabre und Crete de Sel, der uns zum Pic de Bure brachte und uns den Weg in die obere Troposphäre frei machte.

Dann aber muss ich aufpassen, nicht von der Straße abzukommen und in eine der langen Wiesen von Marcoux hinein zu rasen, jene Felder, auf denen Daniel immer fast gelandet ist, dann aber doch nie runter musste. Von hier aus erstreckt sich die Coupe, im Sommer ein zuverlässiger Aufzug zum Einstieg in den „Parcours“, nach Norden. Vom Boden aus sieht man sie gar nicht vernünftig, man muss schon wissen, was dort ist. Die Straße wird beim schieren Gedanken an den konstanten Aufwind in der Brise schon wieder völlig uninteressant und ich stelle mir lieber vor, mit dem rechten Flügel metergenau an der Steilwand entlang zu sägen, die Felsen schließlich zu übersteigen und am Gipfel in den starken Aufwind einzudrehen, genau im Zentrum schon beim ersten Kreis, das Vario im oberen Anschlag.

Weiter geht die Fahrt. Fahren ist super. Es kommt nur auf die Einstellung an. Ich denke einfach gar nicht erst daran, was man da oben über den Gipfeln des Parcours gerade veranstalten könnte. Wilde Rennen mit anderen Flugzeugen, endlose, sorglose Kilometer im Geradeausflug und ruhige Abendspazierflüge, getragen von der ausklingenden Brise. Lässt mich alles völlig kalt.

Über der nächsten Kuppe erscheint der große Stausee, an dem jeder Streckenpilot in Südfrankreich im Normalfall mindestens einmal am Tag vorbei kommt: Lac de Serre-Poncon. Normalerweise meide ich nach seiner Überquerung den Guillaume, der einer der Verkehrsknotenpunkte für Flugzeuge der Provence ist, bleibe lieber auf der östlichen Talseite – manchmal aber zieht es mich doch über diesen Gipfel. Hat man sich einmal durch das Verkehrschaos hindurch nach oben gearbeitet, lohnt es sich, einen Blick auf das malerische Panorama zu erhaschen.

Einmal, abends um sieben, musste ich sehr lange an der Westflanke achtern, um durch die markante Scharte im Mongon an den Parcours zurück zu gelangen – beinahe wäre das schief gegangen und ich hätte bei Sunset in Les Crots, der kleinen Schotterpiste direkt am Seeufer, landen müssen. Als ich an der Zufahrt vorbeifahre, bestätigt ein Blick auf die Uhr, dass die Rückholfahrt zwei mal drei Stunden gedauert hätte…

Dann biege ich ins obere Durance-Tal, die Brianconée ein – ein Tal, welches zwei Welten voneinander trennt.

Auf der östlichen Seite schützt eine massive, zerklüftete Mauer das kontinentale französische Klima vor der nassen, heißen Luft aus der Po-Ebene. Diese für uns so wichtige Trennwand besteht aus Gebirgszügen, deren höchste Spitze der Monte Viso ist und in der es nur wenige Durchlässe von Ost nach West gibt. Über diesem hohen Gelände entstehen oft die ersten Quellwolken des Tages, während nachmittags und abends bisweilen massive Schatten und Hindernisse entstehen werden.

Manchmal gelingt es, an den Monte Viso und seine Hauptkette heran zu segeln und von dort aus an der direkten Luftmassengrenze entlang neben oder über den Wolken zu fliegen. Als sich an einem stabilen, blauen Tag im späten August entlang der Haupt-Täler über den Graten kein Lüftchen regen wollte (ich war bis zum Prachaval stets unter Hanghöhe geflogen), bog ich auf einmal wild entschlossen nach rechts ab und versuchte, mit dem im Osten massiv ansteigenden Gelände mitzuhalten. Es gelang, und nach einigen Kilometern lagen die auslösenden Punkte tatsächlich oberhalb der Inversionshöhe, so dass sich dort, nur an sehr vereinzelten und expliziten Stellen, schwache Blauthermik bis 4000 m Höhe entwickeln konnte, wahrscheinlich labilisiert durch die nahe Luftmassengrenze. Dieses Spiel konnte ich hoch über dem Terrain immer weiter treiben, bis ich direkt an der Trennlinie war und auf einmal zweitausend Meter oberhalb der Wolkenbasis des italienischen Flachlandes flog.

Als ich durch St. Crepin fahre und man auf Straßenschildern überall den „Parc Nacional des Ecrins“ anpreist, schaue ich nach links und kann hoch oben schroffe Spitzen erkennen. Dort, auf der westlichen Seite der Brianconée, bilden die Ecrins ein wildes Labyrinth aus durchweg senkrechten Felswänden, eingebunden in die bizarren Formen der südlichsten Viertausender Europas. Wer zur richtigen Zeit hoch genug am richtigen Ort ist, kann auf dem „Königsweg“ mitten durch fliegen und muss aufpassen, an jeder Ecke der Felsen richtig abzubiegen, um nicht in einer Sackgasse zu enden. Ich erinnere mich gut, wie auf einem dieser gewagt erscheinenden Durchflüge endlich der Ausgang an der Tete d’Amont in Sicht kam und aus einer schattigen Wand unvermittelt ein Adler zu mir aufstieg. Leicht überfordert mit der Nähe des jeweils anderen, versuchten wir es nach einigen Achten im ruppigen Steigen mit Vollkreisen, sobald die Steine weit genug unter uns waren. Sogleich nahm der Stress-Level ab und der riesige Vogel wagte sich in friedlicher Absicht Meter um Meter näher an mich heran. Meine fünfzehn Meter Spannweite schienen ihn ebensowenig zu stören wie mein Unvermögen, so eng zu kreisen wie er. Erst nach einem ausgiebigen Fotoshooting wurde es meinem neuen Freund zu blöd und er pfeilte die Flügel zurück, zielstrebig davon sinkend und ohne sich noch einmal nach mir umzusehen. Sekunden später ging das Steigen auf Null zurück und ich zog davon mit der Bewunderung für einen, der mehr weiß als ich.

In der von riesigen Befestigungsanlagen aus Kriegszeiten überragten Marktstadt Briancon biege ich zum Mongenevre ab. Das Flugzeug ist schwer und ich muss das Gaspedal durchdrücken, um den Anhänger hinterher ziehen zu können. Vor ein paar Tagen ging das Steigen noch, ohne irgendetwas dafür in einem Motor verbrennen zu müssen. Als ich auf der Passhöhe ankomme, fühle ich mich, als hätte ich jemanden betrogen.

Ein letztes Mal steige ich aus und schaue hinüber in die Gipfel der Ecrins – es ist ein tiefblauer Herbsttag geworden. Im Norden trennt der große Riegel der Rocciamelone das Susatal von der Maurienne, und irgendwo dahinter liegt auch der wunderbare Lac du Mont Cenis, an dem sich zwei, manchmal sogar drei verschiedene Luftmassen begegnen: Aus Süden, Norden und Osten fließen die Klimaregionen hier zusammen. Auf einem aufregenden Flug bis hinüber nach Sollieres hatte ich das Glück, diese Situation zu beobachten und zu fotografieren.

Dann steige ich zurück ins Auto und nehme die Route über die Grenze. Rollend falle ich ins Susatal hinunter, tauche langsam in den Dampf der Mittelmeerluft ein. Angekommen auf der Autostrada, drehe ich die Musik auf, verstaue die Karte und mache es mir im Sitz gemütlich. Es wird eine lange Fahrt werden.

 

 

Gute Reise, Yankee Bravo!

September 7, 2011

Kurz vor der Abreise ins Trainingslager nach Frankreich fuhren Fabi und ich zusammen nach Königsdorf zurück, um ein Wochenende lang in der Werkstatt zu verbringen. Mit dabei hatten wir unseren Discus-2b „YB“ und setzten alles daran, das Flugzeug an allen Ecken und Enden gründlich zu reinigen, die Oberflächen zu polieren und zu versiegeln und die Ausrüstung reisefertig zu machen. Wenige Tage später brachten Kaja und ich das Flugzeug nach Traunreut. Dort beginnt Anfang September zusammen mit vier anderen Flugzeugen die knapp zweimonatige Container-Seereise mit einem Ziel auf der anderen Seite der Erde: Australien.

Die ganze Geschichte begann vor einiger Zeit mit einem Anruf aus Süddeutschland: Der Flugplatz Stonefield in Südaustralien hätte einen neuen Betreiber bekommen, mit dem Ziel, ein Segelflugzentrum entstehen zu lassen. Nachdem im letzten Jahr mit der nötigen Infrastruktur und Planung die Grundsteine gelegt worden waren, sei es nun an der Zeit, Piloten zu finden, die das ganze ausprobieren und „promoten“. Ob die Sportsoldaten denn im Winter schon etwas vor hätten…? Unser Interesse war natürlich auf der Stelle geweckt – doch vor uns lag noch eine Menge Arbeit.

Schließlich, nach wochenlanger Planung und Gesprächen mit der frisch gegründeten Fly Down Under GmbH sowie mit Sponsoren,  nach einigem Hin und Her mit der Bundeswehr-Sportförderung und unserem Spitzenverband war langsam, aber unaufhaltsam ein Traum in greifbare Nähe gerückt. Endlich stand es dann fest: Fabi Peitz und ich werden im Winter einige Zeit dort verbringen, um das Segelfluggebiet in Südaustralien ganz neu zu erschließen und die Möglichkeit von großen Langstreckenflügen und FAI-Dreiecken dort auszuloten. Was für Flüge dort zwischen Küste, Wüste, Wein- und Kornanbau möglich sein werden, können wir noch nicht so gut vorhersehen – einen ausgiebigen Versuch ist es allerdings wert!

Der siebte Tag

September 3, 2011

Wenn man Piloten tatsächlich in verschiedene Schubladen einteilen kann, dann zähle ich generell zu jener Sorte von Dickschädeln, die schweigsam und in sich konzentriert über Land gehen, dem eigenen Bauchgefühl genauso sehr wie der reinen Logik vertrauen und es vermeiden, die eigenen Entscheidungen zu sehr von denen der anderen Flieger beeinflussen zu lassen. Auf Wettbewerben meide ich normalerweise den Pulk und versuche, sollte ich doch in einen geraten, diesem zu entkommen oder ihn von oben und vorne unter Kontrolle zu halten. Oft neige ich dazu, mich von Mitfliegern und Verfolgern durch bewusste Eigenartigkeiten zu trennen, und erreiche somit einerseits eine überdurchschnittlich große Anzahl an Tagessiegen, werde aber andererseits häufig in unvermittelte Risiken und Fallen verstrickt, denen zu entkommen vielen Piloten und vor allem Teams, die weniger kompromisslos fliegen, ein Leichtes ist. Ich habe vieles probiert, immer wieder Ansätze wahrgenommen und oft darüber nachgedacht, und gebe offen zu: Ich bin kein Teamflieger. Zumindest dachte ich das immer.

Selten war es mir auf Wettbewerben geglückt, aus der Symbiose mit anderen Piloten einen Vorteil zu ziehen, selten hatte ich es geschafft, gemeinsam mit dem vermeintlichen Partner abzufliegen und auch gemeinsam anzukommen, und auch beim Freien Fliegen war die einzige für mich vertretbare Form des Teamflugs immer das offene, ungezwungene und Informations-basierte Doppel mit meinem Freund Luka gewesen.

Aber jetzt gerade, da schossen wir dahin, Flügel an Flügel zu dritt das Nahetal hinunter und zeitgleich über die Abfluglinie: links vorne mein Sposo-Kollege Fabi in der Libelle, rechts über mir Arne Kerlin in Tobi´s Cirrus. Es war der letzte Tag der Clubklasse-Quali in Bad Sobernheim, und wir waren entschlossen, zum siebten und letzten Mal zu zeigen, wie überlegen ein quirliges Dreierteam gegenüber jeglichem Heimvorteil, Taktiererei und Flugerfahrung sein konnte.

Von Anfang an waren wir vorne dabei, jedoch stets unter Druck gesetzt und gejagt von den beiden Pfälzern Bert und David, die die Ortskenntnis und ihren Altersvorteil hervorragend gegen uns auszuspielen wussten, sowie verfolgt von einem nicht ganz schwachen Teilnehmerfeld im Rücken. Am ersten Tag hatten die zwei uns eingeschüchtert und waren am Ende durch einen überlegt frühen Abflug eine Essenz voraus gewesen – ab dem zweiten Flug jedoch gelang es uns immer häufiger, den Spieß umzudrehen. So schafften wir es als einzige durch eine scheinbar undurchdringliche Schauerwand bis über die Ziellinie, ließen uns selbst von der niedrigen, windigen Blauthermik im hohen Hunsrück nicht einschüchtern und wussten jegliche „Pulkerei“ im Ansatz zu unterbinden, indem wir uns auf unsere eigenen Stärken konzentrierten. Wir brachten es von Tag zu Tag über der Rheinebene, dem Saarland und dem Pfälzer Wald zustande, unseren Vorsprung weiter auszubauen. Einen Wettbewerb auf diese Weise zu dominieren, bedeutete für alle drei von uns eine völlig neue Sichtweise und ließ eine gewisse Souveränität in uns aufkeimen: Wir hatten den Durchbruch geschafft – jetzt konnten wir ganz vorne mitmischen.

Heute war Tag sieben, der letzte Wertungstag der Meisterschaft. Die Aufgabe führte in ein uns von den vorherigen Flügen völlig unbekanntes Fluggebiet – hier im Norden würden die Lokalmatadoren die Möglichkeit haben, ihren Rückstand auf den letzten Drücker wieder auszumerzen: Über Idar-Oberstein, Montabaur, die Mönchsheide und Singhofen zurück in den Süden.

Vor dem Start einige letzte Scherze, dann Teambriefing, Konzentration, Beginn des Schlepps. Heute konnte es um alles oder nichts gehen, so viel war allen klar. Eine Abschirmung drohte am späten Nachmittag jegliches Segelfliegen zu unterbinden, aber ein zu früher Abflug würde bedeuten, sich von der Konkurrenz einholen zu lassen oder – fast noch schlimmer – im unbekannten, kniffligen Nordgebiet alleine unterwegs zu sein.

Nach dem Ausklinken suchten wir getrennt und unauffällig wie schon sechs Mal zuvor nach Wegen, die größtmögliche Höhe zu erreichen, bereiteten die Abflugstrategie über Funk vor und sammelten uns erst im letzten Moment, um nicht die Aufmerksamkeit der Verfolger zu wecken. Hier, in einiger Entfernung zur Linie und direkt unter der Wolkenbasis, stand uns das Geschehen des Abflugs offen, ohne dass jegliche Konkurrenz von uns wusste – doch nichts schien zu geschehen. Mithilfe der Butterfly-Technologie und scharfen Augen durchstöberten wir einige Gruppen und Pulks, verwechselten Standard- und Clubklasseflugzeuge und ließen uns vom Zeit- und Wertungsdruck piesacken: Wo waren sie denn? Hatten alle schon vor uns die Aufgabe gestartet, in dem Glauben, wir wären längst vor ihnen? Lagen sie uns im Rücken und beobachteten uns, anstatt umgekehrt? Irgendetwas war anders als an den erfolgreichen, federleichten Flügen der Vortage. Oder war es einfach nur die für uns so unkonventionell gestellte Aufgabe?

Endlich schien sich etwas zu tun. Ein paar Wolken weiter lösten sich drei, vier schwarze Punkte in Richtung Südwesten, und anhand des Flugbildes glaubte ich auszumachen, dass es Clubklasseflugzeuge waren. Wenige Kreise später durchkreuzten noch einige Libellen und LS-4en unser Blickfeld. Ich atmete mehrmals tief durch, auch die Spannung im Funk stieg – es war so weit. Schließlich passierte es: Ein einzelnes Zweierteam, offensichtlich ein Cirrus und eine Libelle, stieß dem zerstreuten Hauptfeld hinterher in Richtung erster Wende. Es hatte funktioniert.

Nicht ganz fünf Minuten später sahen wir unseren Zeitpunkt für gekommen und machten uns ebenfalls auf den Weg. Vom Wettbewerbssieg trennten uns jetzt noch 250 Kilometer. Die grauen Wolkenfetzen, die vor uns Kontur angenommen hatten, führten durch ansonsten abgeschirmt-blaues Warmluftwetter bis zur ersten Wende und ich konnte schon nach wenigen Aufwinden spüren, dass die beste Tageszeit begonnen hatte. Nebeneinander aufgefächert, leicht in der Höhe gestaffelt, war es ein Leichtes, die beste Linie unter den Wolken zu finden – Arne und Fabi gaben mir stets das Gefühl von Dynamik und Effizienz, und unser Dreiervorteil wurde schon am ersten Wendepunkt klar, als kurz hinter Idar-Oberstein, zwar vor uns und höher als wir, ein Cirrus und eine Libelle kreisten: Wir hatten die Fährte aufgenommen.

Der nächste Schenkel beinhaltete die Rheinquerung südlich Koblenz und uns fiel nichts Besseres ein, als in einer geraden Linie rechts vom Kurs dem Bild der Wolken zu folgen. Arne fischte uns in engen, flexiblen Kreisen stets die besten Steigzentren heraus, Fabi lieferte den Drang nach vorne und bahnte uns den Weg zur nächsten Wolke, während ich die verschiedenen Optionen durchdachte und zur Entscheidungsdebatte stellte. Mal hier, mal da fanden sich einige verstreute Flugzeuge, denen wir von hinten auf die Pelle rückten. Jenseits des Rheins, als wir nach einem langen Gleitstück kaum noch Ideen und Höhe hatten und außerdem dringend nach links zum Wendepunkt Montabaur abbiegen mussten, machte Arne aus einem mühsam angerührten Meter Steigen durch eine geschickte Verlagerung knapp 2,5 m/s, die uns wieder ins Rennen brachten und den Weg nach Norden und Westen frei machten. Im Handumdrehen lag Bonn zu unserer Rechten und die Mönchsheide vor uns. Im Anflug auf den Wendepunkt entdeckte ich auf dem FLARM-Radar wieder, wen ich schon bei Oberstein kurz geortet hatte: Inzwischen tiefer als wir uns höhenmäßig leicht auseinander gerissen, kurbelten Bert und David vor uns und wiesen uns den Weg zur Wende.

Ich war sehr, sehr erleichtert: Jetzt mussten wir nichts mehr rausholen, sondern es stand uns sogar offen, mit den beiden zusammen zu fliegen.

Als ich über der Mönchsheide drehte und den Rückflug nach Osten vorbereitete, wurde mir klar, dass die letzten zwei Flugstunden in Wetterbedingungen geschehen waren, in denen ich normalerweise kaum an mehr als Platzrundenfliegen denken würde: Recht starker Wind zerriß die manchmal nicht, manchmal trügerisch gekennzeichnete Thermik. Auch die Steigwerte und Basishöhe schienen keineswegs mit den riesigen Abständen, die manchmal zwischen den Aufwinden lagen, zusammen zu passen. Aber wir flogen, und noch funktionierte das Vorwärtskommen. Der regelmäßige Blick nach Südwesten ließ die Frage, wann die angekündigten dichten Wolkenfelder das Ende des Tages einläuten würden, allerdings völlig offen.

Bei der dritten Rheinquerung (Zitat im Funk: „Was für eine behinderte Aufgabe da!“) zurück von der Mönchsheide blieb David leider hinter uns zurück, so dass jetzt nur noch vier Flugzeuge im Rennen zu sein schienen: Alle anderen hatten wir entweder überholt oder überhaupt nichts von ihnen gesehen; laut Aussagen unserer Verbündeten in der Standardklasse gab es aber unter ihnen schon mehrere Außenlandungen.

Das vierte Flugzeug in der Gruppe bewährte sich, als sich im Anflug auf Singhofen, die letzte Wende, fast alle Thermik-Anzeichen aufzulösen begannen. Hier und da spürte einer von uns jedoch immer irgendeine aufsteigende Blase auf: Vorwärts ging es noch immer, wenn auch langsam und seit kurzem auch noch mit starkem Gegenwind. Noch immer keine Spur von der Abschirmung, dafür wurde die ganze Luftmasse in sich immer diesiger und undurchsichtiger. Trotz immer weniger Sonneneinstrahlung kamen wir ein wenig ins Schwitzen, als auch in der Standardklasse erste Außenlandungen auf dem letzten Schenkel gemeldet wurden. Wieder ein knapper Meter. Zweimal schon war einer von uns aus dem Dreierteam hinten herausgefallen und musste sich in mühsamer Einzelarbeit wieder vorarbeiten. Bert schwamm unter uns mit, gelangte aber langsam tiefer. Endlich – Singhofen. Noch 55 Kilometer – uns fehlten noch etwa 500 Höhenmeter für den Endanflug. Was machte der Gegenwind?

Im Anflug auf die Loreley (es sollte die letzte Querung des Rheins sein) konnten wir weit genug nach Süden blicken, um die Bedingungen auf dem Heimweg zu erkennen – durch den Dunst hindurch war sie nun zu sehen: Die Abschirmung war da.

Noch zwei, dreimal versuchten wir in den schwachen Steigblasen Höhe zu machen, gewannen auch immer wieder einen Hunderter oder mehr, nicht allerdings ohne dabei vom Gegenwind kilometerweit gegen den Kurs zurückgetrieben zu werden. Dies halbierte den effektiven Höhengewinn.

Wieder kreiste ich vorne ein, wieder kamen die anderen zu mir und versuchten das Beste daraus zu machen, vielleicht ein halber Meter, vielleicht auch nicht. Noch hundert Meter minus bei 26 km/h Gegenwind. Was, wenn er weiter unten abschwächt?

Bei knapp Null flogen wir los. Bert hatte es unter uns zu weit nach hinten verschlagen und wir waren nur noch zu dritt. Zehn Kilometer vor dem Flugplatz sollte sein Flug beendet sein. Drei Spannweiten breit aufgefächert durchfilterten wir die graue, schwere Luft nach letzten Energiereserven. Trotz dieser Technik stieg unsere Gleitzahl selten über 25. Ich fragte trocken: „Ich hab plus 70 bei MacCready 1, und ihr?“ „55“ – „80“. Wenigstens gab es nirgendwo mehr verstärktes Sinken. Es fühlte sich an, wie durch Buttermilch zu fliegen, und ich fand, dass es das jetzt nicht einfach gewesen sein konnte. „Netto plus null zwo“ meldete ich mit gedehnter Stimme, „Plus null fünf, eins, über eins…“ kam von Arne zurück. Wir rutschten ein wenig nach rechts und prompt spürte ich ein letztes Mal leichten Sitzdruck nach oben. Zwanzig Sekunden lang hielt ich die Luft an. Es trug weiter. Endlich, als alle drei Flugzeuge mehr als 120 Meter über dem Gleitpfad waren, begannen wir wieder zu beschleunigen. Jetzt bloß kein Sinken treffen. Noch zwanzig Kilometer, noch fünfzehn, zehn, fünf, endlich sah ich den komischen Flugplatz auf dem Domberg. Sieht gut aus – wahrscheinlich reichte es sogar noch für eine Platzrunde. Nach den spannendsten 250 Kilometern meiner Karriere lupfte ich gerade so in Mindesthöhe über den Zielkreis und reihte mich hinter meinen zwei Partnern zur Landung ein. Als wir hintereinander einschwebten, überraschte es niemanden, dass wir die einzigen Flugzeuge auf der Piste waren. Dass wohl auch keiner mehr kommt, war klar. Noch bevor ich mit Arne die treue LS-1f ganz aus der Bahn gezogen hatte, lief Fabi mit Anni im Arm auf uns zu, und die Champagnerdusche mitten auf der Landebahn besiegelte den Abschluss einer Woche, in der es für uns drei einfach nicht besser hätte laufen können.

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Vielen Dank besonders an Harald Starsinski für die sportliche Leitung des Rennens, sowie an den Landesverband Rheinland-Pfalz für die Ausrichtung. Und vielen Dank natürlich auch (wie immer) an Nico Seidl („Oscar Lima Charlie“) für das tolle Flugzeug!

 

Sommer in Schweden

Juli 13, 2011

Der Nachmittag nahm seinen Lauf. Am Rande des Campingplatzes, im Halbschatten der aufgereihten Anhänger, saß Fabi im warmen Gras und beobachtete die unmotiviert im starken, warmen Wind kreisende ASK-21 des örtlichen Vereins, die unter der zerbrochenen Wolkendecke bisher bei keinem Übungsflug länger als eine Viertelstunde am Himmel geblieben war. Ich setzte mich dazu, streckte mich und stöhnte ausgiebig: Das Wetter hatte uns mürbe gemacht und war drauf und dran, uns den finalen Hieb zu verpassen.

Nach einem Blick auf die Uhr und hinüber zum Windsack sah er mich an: „Fast drei.“ Ein nachdenklicher Blick zum Himmel, dann fügte er hinzu: „Angeln?“

Die ASK befand sich inzwischen erneut im Landeanflug, droben jagte eine Wolke die andere, so dass kaum einmal ein wenig Sonne durch drang, und am Horizont standen ein, vielleicht zwei schräge Quellungen – unerreichbar gegen den Westwind. Über Stockholm und entlang der Küste schien es bereits zu schauern. So ging es nun schon seit Tagen – eine Besserung war nicht in Sicht. Es gab kaum einen Grund, aber das hatte mich schließlich noch nie gestört.

Ich sagte: „Wir fangen doch sowieso nichts. Würdest du mir einen Gefallen tun? Ich möchte aufrüsten…“

Es half ja alles nichts. Seit dem Beginn unseres Trainingslagers am schwedischen Segelflugzentrum Eskilstuna waren gute Flugtage eine Seltenheit. Kaum einmal konnten wir an mehr als zwei Tagen am Stück fliegen, selten war das Flugwetter ungestört von Schauerneigung, Feuchtigkeit oder Starkwind. Wenn dies so blieb, mussten wir eben auch bei schlechtem bis unmöglichem Wetter fliegen, um sinnvoll trainieren zu können (es half ja alles nichts). Also holten wir die LS-1f aus dem Anhänger, montierten Leitwerk und Tragflächen, gingen rasch durch alle Checks und brachten das Flugzeug zum Startplatz. Vor dem Einsteigen beäugte ich noch einmal misstrauisch die verschwommenen Wolkenunterkanten. Dann schnallte ich mich an und meldete mich per Funk startbereit. Es half ja alles nichts.

Nachdem ich das SPOT-System aktiviert und die letzte Checkliste abgearbeitet hatte, blickte Fabi mir kurz und fest ins Gesicht, bevor er auf die anrollende, knallgelbe Pawnee mit der liebenswürdigen Kennung „FLA“ zu rannte, um das Seil zu holen.

Schon hatte ich die im Wind federleichte LS-1f von der fast ebenso langen wie breiten Graspiste abgehoben. Der Schleppzug passierte die Baumreihe mit ihren Luftwirbeln, dann die Straße, dann einige helle Felder am Rand der Kleinstadt Eskilstuna, bevor wir uns nach rechts drehten und steil gegen den Wind aufzusteigen begannen. Adam zog mich einige Kilometer von der Luftraumgrenze Stockholm fort, um mir Bewegungsfreiheit für den ersten Steigflug zu geben. Unter uns versank der Boden, und der Schleppflug wurde kurzzeitig ruhig und leicht.

Selbst nach zwei Wochen Trainingslager über diesem unbekannten Land ließ der erste Blick voraus nach Westen mein Herz immer noch ein, zwei Schläge lang aussetzen: Da zeigte Schweden wieder sein für Piloten so wunderliches Gesicht, und es fand sich wieder das Gefühl des Neuen und Unnahbaren, das den Anreiz für unsere Expedition hierher gegeben hatte.

Denn der Westen und Norden, auf der Landbrücke zwischen den Hjälmaren und Mälaren-Seen und jenseits davon, ließen die nahe Zivilisation schlagartig vergessen. Über der Landschaft verstreut finden sich Tümpel, Teiche und andere Gewässer in nie erfasster Zahl, in deren Gesellschaft sich wenige gut getarnte Rodungsinseln und Wirtschaftsfelder verbergen. Geprägt wird jeder Eindruck, jede Streckenwahl, jede Entscheidung und jeder Blick vom Grund bis zum Horizont aber nicht von diesen Inseln, sondern vom unendlichen, einfarbig dunklen und selbst mit dem Flugzeug kaum zu überwindenden Wald, der das Land von Küste zu Küste und von vorne bis hinten beherrscht.

Segelfliegen wird hier zu einer Herausforderung ungewohnter Art – wir waren auf den Exkursionen der vergangenen Tage sogar bei 2000 m Basishöhe und Thermik, die räumlich und zeitlich keine Grenzen zu kennen vorgab, niemals ganz ohne Probleme unterwegs gewesen.

Ich klinkte aus und fand sofort schwaches Steigen mit etwas mehr als 1 m/s. In etwa 800 m Höhe verlief der Aufwind im Nichts und das Kreisen hatte mich gut einen Kilometer nach hinten versetzt. 40 km/h West, schätzte ich. Mit der Wolkenoptik wusste ich auch nicht viel anzufangen, und weil das gleichmäßige Bodenmuster „See-Wald-Wald-See“ mir nicht sehr geheuer war, wollte ich mich auch nicht unbedingt nur am Boden orientieren. So probierte ich verschiedene helle und dunkle Wolkenunterkanten aus und fand kein richtiges Steigen.

Je mehr Höhe ich verlor, desto weiter schlug sich meine Unbefangenheit in äußerstes Misstrauen um.

Schließlich drehte ich in eine der schwachen, unstrukturierten Steigböen hinein, klammerte mich so gut es ging im Zentrum der schwachen Thermik fest und beschloss, dass mit diesem Tag nicht gut Kirschen essen war.

Minuten um Minuten vergingen, in denen kaum etwas anderes als der erbarmungslose Windversatz und die unregelmäßigen Ausschläge des Variometers eine Rolle spielten. Ich war erleichtert, als es endlich dunkel über meinem Kopf wurde. Immer noch unsicher, der Aufwind könnte jeden Moment unter meinem Gewicht in sich zusammen sinken, ließ ich mich die letzten Höhenmeter hinauf tragen, bis die ersten Schwaden der grauen, unscharf gezeichneten Thermikwolke mich zu umschließen drohten. Dann drückte ich gegen den Wind vorwärts uns gab mächtig Gas: 140, 150 km/h – nur so schien der starke Gegenwind zu schlagen sein.

Wie beim ersten Vorstoß ging es kaum vorwärts und stetig abwärts. Ich flog am Ufer des Mälaren entlang, vorbei am Sädtchen Kviksund, und überquerte zwei große und drei kleine Teiche sowie eine Menge Wald, und falls sich über der großen Sandgrube voraus auch kein Steigen fände, dann müsste ich wohl auf den Feldern daneben landen. Der schwache Aufwind, der sich dann doch noch fand, trieb mich in umgekehrter Reihenfolge wieder an den Stellen vorbei: Sandgrube, Wald, Teiche, Kviksund, Wolke. Weiter geht´s.

Zweimal noch wiederholte ich dieses Spiel, bis ich nach einer knappen Stunde stolze zwanzig Kilometer nach Westen gekommen war. Ich fand das Fliegen in Schweden wirklich cool, und wollte mir den streckenfluguntauglichen Tag einfach nicht nehmen lassen.

Dann, als ich eigentlich gerade erst richtig angefangen hatte, fand ich auf einmal überhaupt keinen Aufwind mehr. Immer mehr wurde ich gezwungen, mich zu einem Gebiet mit einigen bewirtschafteten Feldern hin zu orientieren, und nach wenigen Minuten schon war meine erste Außenlandung seit über 200 Flugstunden beschlossene Sache. Ein intensiver Überblick legte mehrere Optionen an den Tag – der Bewuchs war schwer einzuschätzen, aber in Schweden muss man nehmen, was man bekommt. Die Einheimischen bewiesen soagr manchmal genug Nerven, völlig ohne ein Feld in der Rückhand zu fliegen…

Die endgültige Entscheidung fiel zwar niedrig, aber ohne Zweifel. Irgendwie hatte ich von dem Tag langsam doch genug, und Außenlandungen müssen wie jedes andere Flugmanöver ab und zu geübt werden. Und zwar jetzt.

Das Feld war kurz, doch der Wind stark und die Klappenwirkung der LS-1f überragend. Vor mir zwischen den Bäumen ein Hof mit blau-gelber Flagge, um mich herum Bäume – sonst nichts.

Nach dem obligatorischen Rundgang um das Flugzeug telefonierte ich mit Fabi, der mit den Worten „Oh nein“ abnahm, und versuchte danach mehr oder weniger erfolglos, Kontakt mit der lokalen Bewohnerschaft aufzunehmen. Niemand sprach englisch, so dass man mir die eventuellen Möglichkeiten, das Flugzeug zu bergen, mit Händen und Füßen erklärte, aber insgesamt sah ich keinen Grund, mich bedroht zu fühlen. Es war ja auch nicht weit weg, so dass Fabi bald vorbei kam um mich zu „retten“.

- Mal wieder hatte ich mit meinem übertriebenen Optimismus komplett unrecht gehabt, aber einen anderen Weg, das Land zu erkunden, sah ich in diesen Tagen einfach nicht…

Ein paar Flugtage sollten dann doch noch folgen: Insgesamt kamen Sabrina, Fabi und ich in unserem Schweden-Sommer durchaus auf unsere Kosten.

Wir erkundeten gemeinsam das Mittelland bis hin zur Ostküste, flogen über 200 Kilometer in den Norden vorbei an Dala Jarna, folgten im stundenlangen Geradeausflug den legendären schwedischen Konvergenzen über das Land und auch wenn DIE Hammerwetterlage fehlte, gelangen uns mehrere Langstrecken über 500 km – Fabi knackte im Discus 2T sogar die siebenhundert…

Flight Challenge Cup

Mai 30, 2011

Die Sposo-Tour 2011 nahm ihren Lauf.

Es fühlte sich gut an, endlich „raus“ zu kommen: Nach den wochenlangen Strapazen in der Ausbildungskaserne in Dillingen, den ewigen Stunden im ICE zwischen München und Bückeburg, nach der langen intensiven Vorbereitung auf unser Sportsoldaten-Jahr. Wir hatten wochenlang zusammen gesessen und Pläne geschmiedet, wer mit wem auf welchem Wettbewerb fliegen wird, in welchen Ländern und auf welchen Flugplätzen man am besten trainieren kann, und welche Flüge, welche Möglichkeiten unser Profi-Jahr zu einer unvergesslichen Zeit machen sollten.

Nun war es so weit: Die Uniform wurde endgültig durch die „Deutschland“-Sportkleidung ersetzt, statt der ZDV zählten jetzt SWO und Sporting Code, und niemand würde jemals wieder versuchen, uns morgens um viertel nach drei zur Übung aus dem Bett zu jagen. Was jetzt wichtig wurde, war vor allem eins: Das Segelfliegen.

Nach dem knapp vier Wochen andauernden Trainingslager in den französischen Alpen brachen Joachim, Daniel, Fabi und ich anfang April wie geplant in die Slowakei auf, um dort in Prievidza den internationalen Flight Challenge Cup zu bestreiten. Über 90 Piloten aus neun Ländern waren angereist, um auf diesem europaweiten Wettbewerb die Rennsaison zu eröffnen. Nach gut 80 frisch durchlebten Flugstunden voll von intensivem Training fühlte ich mich trotz des offenbar hohen Leistungsniveaus dem fast 40 Mann starken Teilnehmerfeld der Clubklasse recht gut gewachsen. Zwar angespannt, aber voller Optimismus ging ich an meine erste internationale Meisterschaft heran.

War es die makellose Organisation des Wettbewerbs? Die gute Stimmung im deutschen Team? Das erfrischend abwechslungsreiche und mir völlig neue Fluggebiet? Das überraschende Ergebnis, oder einfach die Tatsache, dass jeder der neun Wertungstage aufs Neue etwas ganz Besonderes mit sich brachte? Ich weiß es nicht, aber vom FCC 2011 werde ich noch sehr lange und sehr gerne erzählen…

Eins. „Ich glaube, der Schauer steht genau am Rand des ersten Sektors. Ich würde versuchen, ihn rechts anzukratzen.“ – Joachims Optimismus machte mich ein wenig stutzig. „Ich denke, der Regen blockiert den Sektor komplett. Wenn wir eine Chance haben, dann links auf der anderen Talseite.“, bemerkte ich mit angespannter Stimme im Funk. Wir hatten die hohe Basis beim Abflug genutzt, um uns über die Hochebene von Martin auf die Leeseite des Tals zu schleichen, und mich ließ das Gefühl nicht los, dass wir uns damit in eine Sackgasse hatten treiben lassen. Was wohl die Konkurrenten auf der anderen Seite gerade machten?

Ich erinnerte mich an Mathias´ Worte, die vor Jahren einmal nicht spurlos an mir vorübergegangen waren: Ein Wettbewerb wird nicht am ersten Tag gewonnen. Aber verloren…

Entschieden drehte ich die LS1-f gegen den Wind und ging daran, die Ebene zu übergleiten. Einige Beobachtungen, ein Blick an den Horizont, auf den Boden, zu den Instrumenten – ich kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. Gewaltiger Irrtum. Schon hörte ich im Funk, was mir selbst gerade zur Gewissheit geworden war: „Lima Golf, der Wind ist zu stark.“ Wir kamen einfach keinen Meter vorwärts, und lange bevor wir den Schauer umflogen, die andere Talseite erreicht hätten, wäre unsere Höhe aussichtslos niedergeschmolzen. Mein Windrechner signalisierte so etwas wie 70 km/h Nordwest, und ich musste endlich der Realität ins Auge blicken: Das Instrument hatte recht.

Ich hörte auf zu diskutuieren, und machte mich daran, das Windproblem, das Höhenproblem, das Zeitproblem und das Schauerproblem auf meine eigene Weise zu lösen. Dazu brauchte ich Ruhe, und überlegte. Ich brauchte Ruhe, ein paar Luvhänge, mindestens eine Thermikblase, ein bisschen Glück und die Labilisierung vor dem Schauer. Dann reichte es entweder bis in den Wendepunktsektor hinein, oder eben nicht. In Martin kann man auch im Regen landen?

Ich skizzierte meinen Plan kurz und unnötig kompliziert im Funk, dann stach ich los. Nur noch knapp über Hanghöhe, warf ich mich in den Wind an die erste Hanggräte und begann, den Bergzug ungefähr auf Kurs abzufliegen. Die Querungen von Rippe zu Rippe waren gegen den Wind fast unmöglich, aber der Hangaufwind bei fast 70 km/h Nordwestwind funktionierte zuverlässig. Die Turbulenzen entnervt ignorierend, sondierte ich Luvwirbel und sonstige Rüttler nach einer eventuellen Thermik. Die würde ich brauchen, um in Reichweite des Schauers oder des Wendesektors zu gelangen. (Nach der Landung erzählte mir Petr Panek vom Tschechischen Team, er sei eine halbe Stunde früher hier gewesen und im Lee der Kette von der Turbulenz auf den Rücken gedreht worden.)

Hier zupackend, da ein paar Kreise wagend, konnte ich den Abstand zum Gelände ein wenig vergrößern, und als ich ein einziges Mal wieder höher als 1800 m steigen konnte, ohne dabei vom brüllenden Querwind ins östliche Niemandsland ohne Notlandemöglichkeiten abgetrieben zu werden, wagte ich den Sprung nach Norden. Im Vorfeld und manchmal auch seitlich von isolierten Regenschauern löst die bodennah kriechende Kaltluft oft in den unmöglichsten Situationen Aufwinde aus, die am Rand der Regenzelle entlang zu tragenden Linien aufkeimen.

Ich drückte den Funk-Knopf schon nach unten, bevor überhaupt irgendetwas passiert war. Sekunden später aber meldete ich dann: „Jungs, der Schauer trägt.“

Der Kreisradius des Wendesektors betrug 20 Kilometer. Der Starkregen und das Ende der Labilisierten Aufwindlinie befand sich bei Kilometer 18,7. Genau dort zog ich ein paar Kreise, gab die Information an Joachim und Daniel weiter, und machte mich auf den Weg zum zweiten Sektor im Süden.

Regen trafen wir auf der übrigen Flugstrecke keinen mehr an – dafür aber eine Menge Flugzeuge, die reichlich Probleme gehabt hatten. Die meisten hatten wir überholt…

Zwei. Schon seit wir uns im Oktober letzten Jahres in Christchurch, Neuseeland, kennen gelernt hatten, war ich von Joachim Schwenks fliegerischem Können überzeugt. Wir waren schon dort, in Omarama, zusammen geflogen, und auch im Training in Frankreich konnte ich ihn oft fliegen sehen. Jetzt, in Prievidza, steckten wir im gleichen Team und es war klar, dass wir viel miteinander flogen. An diesem zweiten Wertungstag, diesmal versehen mit einer etwa 300 Kilometer langen Area-Aufgabe mit ähnlich starkem Nordnordwestwind wie gestern, hatte er wieder einmal einen seiner genialen Momente, als er schon vor dem Abflug wie selbstverständlich erklärte: „In der Talmitte, ich wette da steht ne Welle.“

Völlig ohne Wolkenanzeichen beschlossen wir, alles auf eine Karte zu setzen und zu versuchen, nicht die Thermik der Hügelketten, sondern eine Welle dazwischen zu verfolgen. Umso beeindruckter war ich, als nach kurzem Kampf in einem zerrissenen, starken Bart über der Querrippe vor dem Martintal das Steigen auf der Windseite ruhig und laminar wurde, und wir wie vor einigen Wochen in Frankreich vor der Wolke in schwachem, aber gleichmäßigem Steigen im Wind stehen konnten.

Auch heute war der Querwind 60 bis 70 km/h stark, und wieder führte der Kurs nach Norden. Wir fächerten uns leicht seitlich auf und gingen daran, die Energielinie in Kursrichtung zu verfolgen, ohne in die starken Abwindfelder links und rechts davon hineinzufallen. Tatsächlich funktionierte es: Die Hälfte der Strecke bis zum ersten Wendesektor konnten wir ohne einen Kreis zurücklegen und dabei in komfortablen 2200 m Höhe bleiben. Der Rest der Strecke spielte sich gezwungenermaßen in extrem verwirbelter und übermäßig starker Leethermik ab: Wir hatten noch über zwei Stunden zu kämpfen, wurden getrennt und kamen abends völlig erschöpft an; Der meinem Gefühl nach immer stärker werdende Wind zehrte endlos an meinen Nerven, zumal die zweite Wende relativ weit im Süden, noch dazu um Regen lag und der Rückweg mit dem Sturm auf der Nase zur Hölle wurde. Zuerst kam Joachim an, geschlagene zwanzig Minuten später gelangte auch ich unter massiven Höhen- und Windproblemen über die Ziellinie. Joachims Trick allerdings hatte uns einen Vorsprung eingebracht, den man uns bis zum Schluss nicht mehr nehmen konnte…

Nach diesen beiden Wertungstagen und einem ansehnlichen Zwischenstand (Joachim und ich hielten die Plätze 3 und 5 in der Gesamtwertung!) blieb uns für ganze vier Tage nichts anderes übrig, als nach der alltäglichen Lautsprecherdurchsage „The task for today is cancelled!“ genügend Freizeitmöglichkeiten zu finden, um gegen den Lagerkoller anzukämpfen. Dann allerdings ging es endlich weiter, und es standen noch genug weitere Tage zur Verfügung…

Drei. Das Teamfliegen mit Daniel im Janter und Joachim im Cirrus fand ich gar nicht schlecht. Zwar stehe ich immer noch hinter meinem Konzept, am liebsten alleine und mit meinem einen eigenen Kopf zu fliegen, aber ich hielt es gerade auf diesem Wettbewerb für sinnvoll, zumindest gemeinsam taktisch abzufliegen und dann zwar nicht gezwungen, aber im offenen Team zusammen zu bleiben. Als wir allerdings nach der langen Pause endlich wieder einen Tag mit fliegbarem Wetter bekamen (Wiederum eine dreistündige AAT), war alles anders. Wir waren erst vor zehn Minuten über die Startlinie gegangen, hatten den Abflugzeitpunkt gut überlegt und abgewartet, doch nun befand ich mich auf einmal in nur 250 m Höhe über dem hügeligen Gelände, welches Prievidza vom höher gelegenen Martinbecken trennt. Was hatte ich auch für eine schlechte Linie erwischt – Was war geschehen? Die anderen beiden hatten längst Anschluss an die brauchbaren Bedingungen weiter das talaufwärts bekommen und planten im Funk eifrig die weiteren Schritte, während ich mich minutenlang ernsthaft mit einem Abdrehen und einer sofortigen Landung beschäftigen musste. Klar, hier am Hang war ich erstmal gut aufgehoben, und irgendwie kam ich da schon wieder weg, aber was ist mit der Wertung? Zwanzig Minuten kann ich im Wettbewerb nicht liegen lassen. Eine merkwürdige Idee entwickelte sich, und ich verbrachte lange flache Kreise im Nullschieber damit, sie gut abzuwägen. Dann steuerte ich fort vom Kurs nach Westen, erwischte mit 1 bis 2 m/s schließlich brauchbares Steigen und – machte mich auf den Weg zurück zur Startlinie. Auch wenn alle anderen schon weit voraus waren, selbst wenn es schon Nachmittag war und trotz meiner Position alleine hinter dem Feld, witterte ich eine zweite Chance. Ich beruhigte mich, brachte meine Konzentration mit einem gezielten Cross Check und Bauchatmung noch einmal ins Anfangsstadium, und ging ganz allein über die Linie, mehr als 30 Minuten nach den meisten anderen.

Im zweiten Anlauf ging ich dem Martinbecken nicht mehr in die Falle. Kaum einmal ging der Fahrtmesser beim Vorflug unter 150 km/h, und ich empfand auch nicht die Notwendigkeit, weniger als 2 m/s Steigen anzunehmen. Das Wetter machte einen sehr gleichmäßigen Eindruck, die Cumuluswolken überall verteilt, und so entschied ich mich zu einer frühen Wende im ersten Sektor, um meinen Rückstand auf den Pulk zu minimieren.

Von der Mitte des zweiten Schenkels nach Süden an traf ich vereinzelt auf Clubklasse-Flugzeuge und hangelte mich wie automatisch an ihnen entlang nach vorne. Die Thermik entlang an Partizanske und Nitra arbeitete mit Steigwerten über 3 m/s. Als ich mich gegenüber von G Dale in der DG-100 Auge in Auge im Bart wieder fand, wusste ich, dass der Flug lief. Zu zweit machten wir uns auf zum zweiten Sektor, der im Flachland südlich von Nitra gelegen war. Noch befanden wir uns im guten Wetter, aber was da auf Kurs passierte, gefiel mir gar nicht. Eine breite Schauerlinie bereitete sich vor, von Osten her unseren Kurs zu vertilgen, und genau daran entlang musste ich noch mindestens 30 Kilometer fliegen, um nicht vor der Mindestzeit wieder in Prievidza zu sein. Das bedeutete: Gleiten.

Sogar unter 8/8 Bewölkung fanden sich hier und da noch ein, zwei Meter Steigen. G Dale hatte ich längst wieder verloren und konzentrierte mich darauf, jetzt bloß nicht tief zu kommen und unter die Konvektion zu sinken. Joachim und Daniel waren schon fast im Endanflug. Der späte Abflug war also doch ein Fehler! Anstatt mich zu ärgern oder verrückt zu machen, galt es nun, im richtigen Moment zu wenden, genau so, dass mir der Regen nicht den Rückweg abschneidet, aber spät genug, um die größtmögliche Flugstrecke innerhalb der Mindestzeit zu erreichen. Fast schon krampfhaft an der Wolkendecke klebend, errechnete ich mir einen scheinbar günstigen Wendepunkt. Direkt nachdem ich gedreht hatte und mit meinen Heimflugchancen haderte, sah ich entlang der Wolkenlinie etwas sehr ermutigendes: Flugzeuge! Ein guter Teil der Standardklasse hatte sich mir an die Fersen geheftet und war nun genau in der richtigen Position, um mir den Weg durch das schlechte Wetter zu weisen. Zeit hatte mich die ganze Aktion nicht gekostet: Immer am Gegenverkehr entlang, war ich nach etwa einer halben Stunde angespannter Schattenfliegerei endlich wieder frei von Wolken und konnte genau in der Mindestzeitrechnung die vielversprechenden Wolken im Endanflugbereich anfliegen.

Vier. „Ab heute werden wir versuchen, die Aufgaben länger und die Sektoren kleiner zu machen“, sagte Jozef Horňák beim Briefing im Hinblick auf die Wetteraussichten für die kommenden Tage. Es kamen offenbar noch eine Menge Wertungsflüge auf uns zu…

Heute jedenfalls wurde zum ersten Mal von dem Aufgabentyp abgesehen, den Joachim auf schwäbisch so schön als „Nouf-Naa-Nouf-Naa“, also immer Rauf-Runter bezeichnete – stattdessen schickte man uns gegen den Uhrzeigersinn westlich um die Großräume von Zilina und Dubnica herum. Endlich war es uns möglich, mehr als nur die „Standardroute“ zu Gesicht zu bekommen, und einmal mehr über völlig unbekanntem Terrain zu fliegen. Joachim und ich blieben diesmal bis zum Endanflug im engen Team zusammen und erreichten eigentlich eine einwandfreie Wertung. Leider hatten wir zu Anfang und am Ende leichte Probleme mit Abschattungen im tiefen Gefilde und verloren deshalb ca. 10 km/h auf die Schnellsten.

Nach vier Wertungstagen hatten wir uns nun auf Platz 4 und 5 in der Gesamtrangliste etabliert – weit oberhalb unserer eigenen Erwartungen. Abends am Zeltplatz (sowie nach dem Flug unter der Dusche) wurden in der gesamten Gruppe der Sposos die vergangenen Flugstunden heiß diskutiert, aufgerollt und in Frage gestellt.  Niemand allerdings schien sich Druck aufzubauen oder nervös zu machen, obwohl Joachim und ich in  der Clubklasse und stellenweise auch Fabi in der Standardklasse längst zu den Gejagten gehörten. Wir alle flogen unseren eigenen Stil, ließen uns zwar strategisch, selten aber taktisch von den Konkurrenten beeinflussen und lernten, den Wettbewerb auf friedliche Art und Weise mehr und mehr für uns zu entscheiden.

Dann wurde das Wetter gut.

Fünf. In enger Dreierformation schossen wir nach Norden. Das Velka-Massiv und die Fatra „brannten“ förmlich vor Thermik, und eine einzige Wolkenstraße reihte sich westlich von Martin nach Norden, bis über die polnische Grenze. Die Aufgabe: 510 Kilometer Racing, endlich Racing, endlich einmal eine klassische, ausgiebige und spannende Rennaufgabe in gutem Wetter. Wir hatten die Chance gewittert, genau im richtigen Moment über die Startlinie zu gehen und noch vor dem Hauptfeld die beste Linie zu erwischen, bevor die Wolken – genau wie an den Vortagen – schon am Nachmittag wieder zerlaufen und breite Schatten werden würden. Und wir gaben so richtig Gas…

An der ersten Wende bekamen wir es bereits mit den ersten Abschattungen zu tun. Teilweise Hammerwetter, teilweise aber auch schwache Passagen mit vielen Problemen säumten die Aufgabenstrecke. Als die Außenlandesituation über polnischem Territorium auch noch immer unübersichtlicher wurde, blieben Daniel und Joachim leider zurück. Ich mogelte mich mit etwas Glück zusammen mit einigen anderen Flugzeugen (allesamt den direkten Konkurrenten in der Wertung) wieder in brauchbares Wetter zurück und hatte schnell einen großen Vorsprung aufgebaut. Ohne große Probleme flog ich, teils alleine und teils mit einer Handvoll Standard-Jantare, zur südlichen Wende. Genau wie erwartet, breitete sich die Wolkendecke langsam aus, und ich bekam Zweifel, ob die Thermik lange genug halten würde, um die Aufgabe zu vollenden. Immerhin waren selbst jetzt noch über 200 Kilometer zu fliegen.

- Als ob das Wetter meine schlechten Gedanken gelesen hätte, fand ich unmittelbar nach der Wende keinen Anschluss mehr. Wieder auf Nordostkurs, musste ich fast meine gesamte Höhe abgleiten, um erst in der Nähe von Prievidza wieder Anschluss zu finden. Von diesem Punkt an bekam ich fast keinen Sonnenstrahl mehr zu Gesicht, sondern versuchte, unter den immer umfassender werdenden dunklen Wolkenbasen die tragenden Linien zu finden. Etwa 60 Kilometer vor dem Ziel kurbelte ich im vermeintlich letzten Bart des Tages mit nur gut einem Meter pro Sekunde, musste aber leider feststellen, dass ich hier Zeit liegen gelassen hatte: Der ganze Endanflugbereich trug immer wieder mit gutem, verlässlichem Steigen.

Wer später dran war, bekam aber durchaus große Probleme. Vierzig Minuten nach meiner Ankunft in Prievidza rollte ein sehr erschöpfter Joachim auf der Bahn aus… Daniel kam abends leider nur per Anhänger und Auto wieder zurück.

Sechs. Die waldigen Ausläufer der südlichen Fatra wuchsen neben uns hoch auf. Ich musste tief schlucken, und zwar nicht nur um den Druckunterschied auszugleichen, der von außen auf die Ohren presste. Doch sofort fiel mir ein hässliches Brummen auf, welches ich in den vergangenen Minuten gar nicht mehr bewusst wahrgenommen hatte. Das E-Vario erzählte von Verlusten, Sinken und einem großen Haufen Probleme. Im Funk klickte es – Joachims schwäbischer Dialekt ließ in gespielter Ruhe einen gewissen Sarkasmus durchscheinen: „Vorschläge und Anregungen?“

Das war es. Gerade hatten wir uns endgültig fest gefahren. Es war so weit gekommen, dass ich nicht einen einzigen Vorschlag und keine Idee mehr hatte, außer „ich fürchte wir müssen ins Flache gleiten und dann dort landen…“ – Es tut weh, so etwas auszusprechen, und sobald man von den Thermikwolken fort gleitet, für die man leider hoffnungslos zu tief ist, ist der Tag meistens gelaufen. In jeder Hinsicht.

Der Flug hatte begonnen wie jeder andere – der „Wettbewerbs-Alltag“ funktionierte immer besser: Aufrüsten, Startaufbau, gemeinsames Frühstück, Briefing, eine halbe Stunde Konzentration, Start, in Warteposition gehen, Joachim und Daniel aufsammeln, Wetter und Konkurrenten beobachten, den richtigen Zeitpunkt finden, Abflug, Wolkenstraße, erste Wende, zweite Wende, Nouf, Naa, Gas rausnehmen wegen breitlaufenden Wolken…. Und dann einmal, zweimal, dreimal Pech gehabt. Während der mühsam eingeholte Hauptpulk schön gemütlich über uns hinweg zog, wussten wir mit unserer restlichen Höhe buchstäblich nichts mehr anzufangen.

Gerade wollte ich die ersten festeren Gedanken im Hinblick auf die drohende Landung fassen und ein paar Felder begutachten, da lupfte es doch noch einmal: Über der Ebene, im Schatten, ohne Cumuluswolke, drückte ich den linken Flügel gegen die hebende Kraft von unten – kaum ein richtiger Bart, aber es stieg. Mir war klar, dass das Wetter trotzdem vorbei war und der Flug quasi verloren, aber zur Schadensbegrenzung reichen auch 1,4 m/s, zum Retten der letzten paar Punkte ist auch die fehlende Wetterentwicklung in Kursrichtung noch Grund genug zum Weiterflug.

Und es blieb ungemütlich. Noch mehrmals mussten wir uns entlang der Velkas sehr tief von den Gipfeln nach oben „basteln“, und auf dem Rückweg zum letzten Wendepunkt der 420 Kilometer langen Aufgabe kamen Daniel und ich nicht einmal mehr über die Bergkuppen hinaus, da sich selbst die 0,5 m/s schwache Thermik schon in geringer Höhe wieder verlor. Aber es ging vorwärts. Joachim voran, später ich und hinten Daniel -  wir konnten beißen und wir wollten es schaffen. Wie verhext: an haargenau der gleichen Stelle, an der wir drei am frühen Nachmittag kurzzeitig mehr als sieben Meter pro Sekunde ausgekurbelt hatten, fand sich nur noch ein zäher Meter. Doch es reichte: Wieder einmal mit den Kräften am Ende, waren wir unter den letzten, die an diesem Tag landeten. Schadensbegrenzung erfolgreich, war doch die ganze Misere reduzierbar auf einen einzigen so unnötigen wie ärgerlichen Tiefpunkt in der Mitte des Fluges.

Aber wie die Jungs mich am Abend zurück halten und bremsen mussten, als ich wieder und wieder das Thema aufbrachte: Warum nur hatten wir den Tag verloren, was können wir morgen nur machen, wie können wir unsere guten Plätze verteidigen? Nicht einmal ich selbst hatte mich bisher so erlebt, und erkannte mich selber in meinem krampfhaften Strategie-Aktionismus kaum wieder. Wir waren intensiv am Arbeiten, und wir wollten unser Ding durchziehen – aber Fabi, Daniel und Joachim hatten einfach recht: Ich musste aufpassen, mich nicht zu sehr in das Geschehen hinein zu steigern. Die Gesamtwertung behielt unseren peinlichen Ausrutscher sogar mehr oder weniger für sich. Und vorbei war es schließlich auch noch nicht.

Sieben. „Oha- du, die machen die Aufgaben langsam aber immer schwieriger!!“, stellte ich nach der längsten Talquerung meines Lebens trocken fest. Es war klassisches Hochdruckwetter eingekehrt, erstmals hatten sich in den Gefilden der slowakischen Mittel- und höheren Gebirgsstöcke alpine Wetterbedingungen etabliert: Talwindsysteme, kleinräumige Brisen, Hitzetiefs und Zentrenbildung in der Aufwindlandschaft prägten das Bild für den, der die Augen besaß, um es richtig zu lesen. Erstaunlich viele Piloten wunderten sich bis in die Landewiesen hinein, warum sich denn in der schön warmen Talmitte kein einziges Lüftchen nach oben bewegte, und Höheneinteilung sowie mittelfristige Strategie war zum ersten Mal auf diesem Wettbewerb wichtiger als alles andere.

Joachim, Daniel und ich wussten Bescheid und kamen voran. Über das Martintal hinweg geglitten, leitete ich die Suchaktion nach dem Rettungsanker auf der anderen Seite. Um den mit gekommenen Konkurrenten ein Schnippchen zu schlagen, ließ ich mich sogar auf Hangflug im höheren Gelände ein, und nahm die erste Wende mit Erfolg genau beim Kurbeln des ersten guten Aufwindes an diesem Tag. Die Aufgabe: 333 Kilometer, ein Mix aus Flachland und Gebirge – und das Ziel: konstanter als gestern sein, und unsere Plätze gegen das Tschechische Team Cink / Mracek verteidigen… Und wir flogen weiterhin miteinandere und nach unseren eigenen Regeln, ohne in der Gesamtrangliste zu viel Druck aufkommen zu lassen. Der Flug verlief insgesamt ohne größere Zwischenfälle, und ohne den selbstgemachten zusätzlichen Druck stimmte heute zum Glück auch die Punkteausbeute wieder. Was hatte ich gestern abend in der Teambesprechung noch einmal gesagt? „Wir müssen…“ und „Es muss…“ – Niemand muss! Wir können, das ist alles. Beruhigt und bekräftigt lag ich an diesem Abend im Schlafsack, unter dem im Wind flatternden Zeltdach.

Acht. Lang zu warten, hatte in der Tat keinen Sinn. Ich hatte mindestens fünf Piloten der Clubklasse beobachtet, die bis kurz vor dem angesagten Startzeitpunkt noch bei Wettbewerbsleiter Jozef Horňák nachfragten: „Task ‘A’ – really? Are you sure?“ – Jozef war sich seiner Sache sicher. Wie er in der tiefblauen, brühwarmen Luftmasse tatsächlich die Möglichkeit für eine 500-Kilometer-Aufgabe sah, war auch mir ein Rätsel, aber heute ging´s in die Berge! Und nun waren wir gestartet, zwar ohne vernünftige Thermik und mit sehr wenig Arbeitshöhe, aber wir waren oben, und die Startlinie war offen.

Joachim und Daniel hatten sich schon früh vom Hauptfeld getrennt und versuchten nun auf eigene Faust, einen guten Startzeitpunkt zu finden, während ich in der großen Gruppe der Clubklasseflugzeuge blieb, um einen nach dem anderen zu einem frühen Abflug zu drängen. Vor, zurück, wieder vor, und immer mehr gingen mit über die Linie. Irgendwann waren alle übrigen auf 2000 m Höhe, und jedem war klar: Wenn wir eine Chance haben wollen, dann jetzt oder nie. Und alle flogen quasi gleichzeitig los.

Schon im ersten Bart waren wir stark aufgesplittert, im zweiten Aufwind hatte ich nur noch die „wichtigen“ Konkurrenten bei mir, und sobald wir genügend wenige geworden waren, flog jeder seine eigenen Wege. Erstmals lagen heute zwei der vier Wendepunkte mitten über der Niederen Tatra, und kaum kamen wir in näheren Kontakt mit dem Hauptkamm dieses beeindruckend schroffen Massivs, gerieten wir immer mehr ins Hammerwetter.

Jozef hatte recht gehabt.

Nun führte das Team Cink / Mracek das Rennen an, dahinter folgte ich. Nur vereinzelte Flugzeuge hatten es schnell genug geschafft, uns ins Hochgebirge zu folgen. Endlich wusste ich wieder, wo die Thermik zu finden war! Die Wende umrundete ich nur knapp über Grathöhe, raste fast ohne Kreis zurück über die aufgeheizten Felswände, und jagte die beiden Cirrus-Piloten über das Martin- und Dubnicatal hinweg. Es war eine der seltenen Situationen, in denen sich wertungstaktisches Fliegen für mich sinnvoll anbot. Jenseits der Stadt Dubnica hatte ich die beiden geschnappt, und zu dritt flogen wir eher mit- als gegeineinander in der starken Blauthermik um die westliche Wende, zurück über die beiden Täler, und wieder in die Tatra. Der letzte Teil des Fluges stand an, und einmal mehr gaben mir die hohen Berge einen mächtigen Anschub nach vorne. Mit Basishöhen über 3000 Metern und begnateten Thermikbedingungen verließ ich im Alleingang die Felsen und schoss nach Süden. Nichts, gar nichts konnte mich jetzt noch vom Zielüberflug abhalten.

Nichts, bis auf -

Das Vario dudelte in lahmen, trägen Tönen, als ich zusammen mit ein paar Standardklassepiloten versuchte, den nächsten guten Bart zu ziehen. Weiter, nächster. Nicht zu tief kommen. Hier sollte er langsam stehen. Irgendwas läuft schief. Die an diesem Tag sowieso seltenen Wolkenanzeichen hatten sich längst aufgelöst, und das tiefe Blau, das der Nachmittagshimmel dieses Frühlingstages übrig gelassen hatte, zeugte kaum von guten Bedingungen… Ich war nicht der einzige, des dies bemerkt hatte. Alle nahmen das Gas heraus, und als Gerrard Dale einmal wieder mit mir gleich zog, war ich froh um die Unterstützung. Die abendlich warm eingestrahlten Waldhänge mussten wir irgendwann verlassen, ohne noch einen sinnvollen Aufwind gefunden zu haben, und wir glitten und glitten – bis zur letzten Wende. Mir fiel auch jetzt nichts anderes ein, als zum Bergfuß zurück zu gleiten. Das waren zwar über 60 Grad Abweichung zum eigentlichen Endanflugkurs, aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass heute irgendwo anders noch ein Aufwind entstehen konnte als dort.

Dann sah ich einen Flügel in der tiefstehenden Sonne blitzen und wusste bald, dass alles gut war. Ganz oben setzte gerade der letzte Flieger der offenen Klasse zum Endanflug an. Als ich unten einstieg, war es erst nur ein halber Meter, dann gut ein Meter Steigen pro Sekunde. So wie ich meiner Endanflughöhe immer näher kam, konnte ich unter mir immer mehr und mehr Konkurrenten einsteigen sehen, und immer schwächer und schwächer wurde unten heraus dieser letzte Bart des Tages.

Bei weitem nicht alle Teilnehmer vollendeten an diesem vorletzten Wertungstag die Aufgabe. Sogar Joachim musste leider auf dem letzten Schenkel abdrehen und frühzeitig landen…

Neun. Zum siebten Mal in Folge stellten wir am letzten Tag des Wettbewerbs unsere Flugzeuge in die Startaufstellung. An diesem Morgen war vieles anders: Einerseits spürte man die Erschöpfung im deutschen Lager, denn natürlich war es niemand von uns gewohnt, ohne einen einzigen Pausetag so lange auf so hohem Niveau fliegen zu „müssen“.  Andererseits waren wir fast am Ziel, wir hatten uns in der Gesamtwertung so weit etabliert, dass heute so gut wie nichts mehr anbrennen konnte. Ich selber ging den letzten Wertungstag völlig entspannt an: Den Anschluss an die absolute Spitze hatte ich zwar nach dem Ausrutscher am fünften Tag nicht wieder erlangt, hatte den fünften Platz allerdings nach hinten mit genügend Punkteabstand untermauert. Egal was heute passierte, das Ergebnis blieb unangetastet.

So ganz ohne Wertungsdruck fliegt es sich leicht. Erstmals konnte ich vor dem Abflug tun, was immer ich wollte, konnte in der anfangs unkonstanten Blauthermik jeden Konkurrenten beobachten und lauerte fast zwei Stunden lang hinter der Linie, bis die meisten Flieger längst auf der Strecke verteilt waren. So lange, bis das meiner Meinung nach beste Wetterfenster für diese letzte, dreistündige Area-Aufgabe gekommen war.

Ohne einen Blick zurück brach ich los und jagte ein letztes Mal über den niederen Fatra-Rücken nach Nordosten. Die ersten und einzigen Wolken des Tages hatten sich über den hohen Gelände gerade so weit ausgebildet, dass die Thermik dort gelegentlich zuverlässig angezeigt, aber sonst zwischen den Gipfeln gut versteckt blieb. Es war mein Wetter, das erkannte ich nach der ersten Wende, als ich mit über 5 m/s von unten an die ersten Pulkflieger heranstieg, die zehn Minuten früher als ich über die Linie gegangen waren. In Lauerstellung hinter und unter den flächig verteilten Flugzeugen, konnte ich mir immer im richtigen Moment die beste Linie aussuchen und hatte das Hauptfeld bald überhöht. Am Rand des zweiten Sektors ertappte ich einen Teil des breit gefächerten Pulks dabei, wie er in die eindeutig stabilere Luftmasse des Dubnica-Beckens viel weiter einflog, als es notwendig war. Entschieden wendete ich früher – jetzt war ich zwar wieder alleine, blieb aber im besten Wetter. Ständig rechnete ich die verbleibende mögliche Aufgabenstrecke sowie die verbleibende Flugzeit nach und behielt beide Größen ständig im Auge. Für jedes Szenario, das im Zeitplan der nächsten zwei Stunden entstehen konnte, hatte ich einen perfekten Plan, der alle Alternativen abdeckte.

Die Martintalquerung mit anschließendem Einstieg in die niedere Tatra – auf den vergangenen Aufgaben mehrfach geübt – lief optimal: Tief auf der jenseitigen Talseite angekommen, schnitt ich direkt durch den besten Bart der Umgebung. Der vorletzte Wendesektor stand offen.

Nach einer genau getimten Wende begann der vorletzte Schenkel. Ich war einen Deut zu schnell für die Aufgabe und dadurch in der Lage, im letzten Sektor die Wende auf die Minute genau auf die Mindestzeit abzustimmen. Nun im völlig Blauen, nutzte ich hier und da einige „Bojen“ aus der Standardklasse, um unvermindet schnell nach Süden zu dringen. Die letzten Aufwinde maß ich genau ab, um den Endanflug gut voraussehen zu können. MacCreadys Theorie sei dank, hatte ich schließlich alle Unbekannten der Gleichung gelöst: Welcher Aufwind zum Endanflug auszukreisen ist, wie hoch dort gestiegen werden muss, bei welchem Endsteigen der Endanflug beginnt und welche Geschwindigkeit gegen den Wind geeignet ist, um Zeit- und Streckenoptimal in Prievidza anzukommen.

Sobald ich den geplanten Aufwind gefunden und zwischen zweieinhalb und drei Metern zentriert hatte, wurde aus der Rechenabteilung wieder eine LS-1f und das Spiel konnte beginnen.

Die Ziellinie überflog ich fast genau zur Mindestzeit – 61 Sekunden fehlten – mit einer Schnittgeschwindigkeit von fast 107 km/h. Am diesem letzten Tag, an dem es mir eigentlich egal war, war mir die perfekte AAT-Wertung gelungen: Der Tagessieg mit 6 km/h Vorsprung wurde für mich zur Krönung eines unvergesslichen Wettbewerbs, der in allen Hinsichten jegliche Erwartungen übertroffen hatte.

Baguette, Crossaint, Planeur, etc.

April 5, 2011

Folgt man, von einem der abenteuerlich angelegten Straßenpässe Südfrankreichs aus Grenoble in den warmen Süden der Provence hinunter fallend, der ausladenden Route N°75 durch enge Schluchten und vorbei an felsig überschatteten, stillen Städtchen, so gelangt man nach einiger Fahrzeit schließlich in die einladende Weite des Durance-Tales.

Wer hier dem Drang widersteht, im Stadtzentrum von Sisteron der fremden Sprache und den gallischen Brunnen zu lauschen, die majestätischen Hinkelsteine von Saint Auban zu bewundern oder die wilden Schluchten und stillen Seitentäler der Bleone wandernd zu erkunden, der gerät schon bald aus den höheren Bergen heraus und verirrt sich südlich von Digne in immer engere Sträßchen.

Hoch über dem Flußlauf der Asse schlängelt sich ein Weg auf das Plateau von Valensole hinauf, wo das Dorf Puimoisson mit nicht mehr als tausend Bewohnern nur wenige Reisende inne halten lässt.

Kaum beschildert und kaum befahren, führt ein steiniger Feldweg über ein paar Hügel hinter das Dorf. Endlich erscheint ein hier Windsack, dort reihen sich einige neu erbaute Chalets aneinander, dazwischen sind zwei frisch asphaltierte Start- und Landebahnen zu überqueren. Eine aufgelockerte, doch täglich wachsende Anzahl von Flugzeuganhängern und ein im französischen Landhausstil gehaltenes Hauptgebäude werden auf einer Seite vom Abhang des Tales, auf der anderen von den Bäumen und Felsen der Serre de Pavaillon eingerahmt. Der Flugplatz Puimoisson ist gut versteckt.

Auch aus der Luft muss man eine Weile suchen, wenn man abends gegen die Sonne aus dem „Parcours“, Frankreichs bekanntester Segelflug-Rennstrecke, nach Westen zum Endanflug ansetzt. Die weißen Hütten sind oft der erste Anhaltspunkt für Alfred Spindelbergers neues „Baby“, den sanierten Flugplatz, in den er so viel Zeit, Geld und Mühe investiert. Wenn die Flugzeuge nach einem langen Streckenflugtag zur Landung einschweben, freut er sich mit den Piloten und verteilt freigiebig Wein, Bier und Pastis an jeden, der mit Kilometern und Punkten dazu beiträgt, das Projekt Puimoisson bekannt und attraktiv für Kunden zu machen.

Wir Sportsoldaten waren im März unter den Ersten, die den neuen Platz ausprobieren durften. Das warme Klima des Südens lockt hier Jahr für Jahr schon mit frühlingshaften Wetterlagen, während in Deutschland noch der Winter vorherrscht.

Nach einer Woche Pech mit Matsch, Regen und ein paar anderen Problemen begannen wir gegen Mitte des Monats, zusammen mit einigen zivilen Juniorennationalmannschafts-Piloten, mit dem Training. Die beiden Trainer Charly Pfeiffer und Uli Gmelin scheuten sich nicht, auch Gebirgsneulinge sofort im engen Verbandsflug tief ins Relief zu ziehen und vor anspruchsvolle Aufgaben zu stellen. Das wilde und unbekannte Gelände wurde bald zu einer fast schon vertrauten Umgebung: Ein riesiger Trainingsplatz mit allen Tücken, Hindernissen, aber auch Chancen und Möglichkeiten.

So wie uns das Fliegen, das Wetter und die Berge in diesen Tagen bekannter wurden, so kamen auch die Mitglieder der Mannschaft einander näher. Zwar hatten Fabi, Joachim, Daniel, Marco und ich schon zusammen die militärische Grundausbildung in Dillingen und die Vorbereitungsphase in Bückeburg gemeinsam durchgestanden, doch es zeigte sich in Frankreich einmal mehr, dass Piloten sich erst dann wirklich kennen, wenn sie miteinander geflogen sind.

Es begann alles in eng geformten Gruppen. Die Clubklasse (das waren Daniel im Jantar, Joachim im Cirrus und ich in der LS 1-f) durchlebte zusammen mit Charly (ebenfalls LS 1-Pilot) schon zu Anfang spannende Stunden in schwacher Thermik, knackigen Rotoren und starken Mistralwellen. Auch die Standardklasse (Fabi im Discus 2T und Marco in der DG300) kam unter Uli Gmelins Anleitung mit dem Arcus schon nach wenigen Flugtagen jeden Abend mit großem Lerneffekt zurück. Rasch gelang es uns, Tag für Tag tiefer ins Hochgebirge vorzustoßen. Wir schafften es, im Hangaufwind des Lure und Mont Ventoux stundenlang im Geradeausflug zu bleiben, drangen in der Welle des Pic de Bure bis in Höhen um 6000 Meter vor, und stets hatten das Wetter oder die Berge neue Überraschungen für uns parat. Schnell hatte jeder zig Flugstunden und tausende Kilometer in Thermik, Welle, Konvergenz und Hangwind gesammelt.

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Das Variometer steht seit einer Minute am oberen Anschlag. Ich kann dem eben noch so steilen Gipfel dabei zusehen, wie er unter mir zu versinken scheint, und trotzdem spüre ich keine Bewegung, keine Wirbel, keine Verunsicherung im Flug der Lima Golf. Ich muss den Steuerknüppel nur mit den Fingerspitzen antippen, um die Flugzeugnase immer und immer wieder in den Wind zu drehen, im besten Steigen zu bleiben, nicht von der Welle abzurutschen. Keine Korrekturen der Bahn sind nötig, das Flugzeug liegt wie auf einem Kissen, nein: ich fliege, als gäbe es das Flugzeug gar nicht.

Noch immer steige ich mit 5 m/s. Die Sauerstoffanlage füttert mich nun bei jedem Atemzug mit einem tiefen Stoß – lebensnotwendig, hier in über 5500 Metern Höhe. Die Kälte zieht durch Arme und Füße, durch Jacken, Socken und Stiefel hindurch wie ein Messer. Noch werde ich nicht abbrechen, noch werde ich es aushalten. Wofür sonst habe ich die letzten drei Stunden im turbulenten, aufbrausenden und widerspenstigen Mistralwetter gekämpft, habe die gute LS 1-f zusammen mit Charly und Joachim gegen fast 100 km/h Nordwind bis hierher gequält.

Rechts von mir erkenne ich die beiden Flugzeuge wieder – leicht in der Höhe versetzt, stehen auch sie regungslos im Wind. Ich kann Charlys Kopf unter der flachen Haube erkennen. Ob er auch so friert?

Sechstausend Meter: Die maximal erlaubte Höhe.

Die zwei anderen drehen ab und beginnen prompt mit dem Abstieg, den auch ich wegen der Temperatur kaum erwarten kann. Der Sturm wird uns binnen Minuten die hundert Kilometer bis nach Puimoisson zurück treiben.

Einen Moment halte ich noch inne und betrachte: Der Pic de Bure ist unter mir längst zum Zwerg geworden, dahinter eröffnen sich die Ecrins wie ein Korallenriff dem Taucher, und über allem ragt am Horizont, unendlich fern und erhaben, der Mont Blanc.

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Als ich ihn zum nächsten Mal sah, war er schon ein Stück näher gerückt. Zuerst thermisch, dann mithilfe einiger schwacher Wellen, hatten wir uns Pulkweise über den Parcours bis nach St. Crepin vorgearbeitet. Endlich in einer vernünftigen Ausgangslage angekommen, gelang es mir, über den Wolken am oberen Durancetal entlang bis nach Bardoneccia zu fliegen. Europas höchster Berg ist von hier aus nur noch halb so weit entfernt.

Einzig das leicht verschwommene und blasse Bild, welches der Mont Blanc vor den Horizont zeichnet, erinnert daran, dass es immer noch hundert Kilometer zu fliegen sind, und holt den vorschnell übermütigen Piloten bald wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Einmal mehr kehrte ich dem Norden den Rücken.

Kurz nach der Wende traf ich zufällig auf Charly, und die verbleibende Zeit des Nachmittags verbrachten wir zu zweit damit, in tiefster Gangart (stets unter Hangkante) jeden einzelnen Durchschlupf und Pass zwischen Briancon und dem Modane-Tal zu erkunden. Charly zeigte mir die versteckten, taktisch unschätzbar wertvollen Schleichwege von Nord nach Süd: Galibier, Rochilles, Etroite und Frejus. Ich ahnte nicht, dass ich dieses Handwerkszeug zwei Tage später sehr gut gebrauchen können würde…

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„Okay, dann springen wir jetzt rüber.“ Ich drückte das Mikrofon aus dem Blickfeld und nahm Kurs auf Norden auf. Joachim im Cirrus und Harms in der ASW 19 folgten mir.

Die Wolkenoptik in der Maurienne sowie der Blick auf die Uhr – es war erst kurz nach Zwei – ließen keine Zweifel übrig: Wir würden auf keinen Fall so wie geplant wieder über Bardoneccia umdrehen. Wenn wir heute nicht über das Modanetal hinweg kommen sollen, wann dann? Rasch war in guter Höhe der Col de Frejus übersprungen, Modane links liegen gelassen. Schon lag Sollieres unter uns, und die Thermik im hohen Gelände von Vanoise empfing uns mit gutem Steigen. Rings um uns war alles weiß – Eisabbrüche und Tiefschneefelder ließen nichts von den sommerlichen Segelflugbedingungen erahnen, welche über ihnen herrschten. Die tief verschneiten Gipfel von Vallonet reichten uns spielerisch von Wolke zu Wolke weiter nach Norden durch.

Am nördlichen Ende des Massivs hatten meine beiden Begleiter genug und machten sich auf den Rückflug. Ich erklärte im Funk meinen Plan und begann sogleich, mich unaufhaltsam weiter nach Norden zu arbeiten. Ich war doch schon so nah dran… Ein paar sinnvoll geplante Gleitflüge brachten mich am Skigebiet von Bellecote vorbei ins Tal der Isére. Die Berge hier hatte ich noch nie gesehen und bekam Mühe, meine Position, die Landemöglichkeiten und möglichen Auswege auf der Karte zu ermessen. Ist das da vorne etwa schon Bourg Saint Maurice? Warum sehe ich im Norden nur weiß – Wolken? Schneefelder? Dunst? Das GPS sagt…

Nach zwei weiteren Aufwinden bekam ich Gewißheit: alles passte zusammen, die Täler, die Gipfelformen, die brodelnde Thermik in der eisigen Stille, mitten zwischen den Viertausendern. Ich war da. Hinter der nächsten Wolkenbank müsste sich doch…

Querab des kleinen St. Bernhard, direkt vor den Füßen, unter den aufstrebenden Wänden des Mont Blanc, zog eine kleine, rot-weiße LS 1 einen weiten Bogen und suchte sich ihren Weg nach Süden, zurück über die schneeweiße Mauer des südlichen Hauptmassivs der Westalpen. Eine Stunde später, jenseits des Frejus, wartete das Tal von Briancon mit vertrauten Bergen und Formen. Ein zierlicher Schatten huschte fortan über die von der warmen Brise durchsetzten Felsen hinweg.

-

Die Wände des Parcours glühten im Abendlicht.

Lima Golf

März 7, 2011

Zwei Tage vor der Abreise nach Südfrankreich fand ich zum ersten Mal Zeit für das Wesentliche: endlich konnte ich die LS 1-f testfliegen – Ich hatte sie kurze Zeit vorher von meinem Förderer Nicolas Seidl aus Braunschweig übernommen und in der Sportsoldaten-Zentrale in Bückeburg für das Fliegen im Gebirge fit gemacht.

An diesem hellblauen Frühlingsmorgen also stand die „Lima Golf“ endlich fertig aufgerüstet und flugbereit in Königsdorf.

Der Systemcheck in der Luft dauerte fast eine Stunde. Nach dem langen, hohen Schlepp fand ich im kräftigen Ostwind eine schwache Welle über dem Heiglkopf und spielte in 1700 m Höhe einige Zeit ohne Höhenverlust.

Als ich ins Flachland herausglitt, um Bodenabstand für einige Trudelübungen zu gewinnen, traf mich unvermittelt der erste Thermikaufwind des Jahres: Drei, vier Kreise mit über 1 m/s, bevor die Warmluftblase an der Inversion zerplatzte.

Nach dem Trudeln blieb mir noch genug Höhe und Zeit, um nach weiteren Aufwinden zu suchen.

- Es war ein schöner Tag, um einander kennen zu lernen.

Hypoxia

März 7, 2011

In unserem intensiven Vorbereitungszyklus auf das nahende Trainingslager in den südfranzösischen Alpen stand nach zwei Wochen Kartenvorbereitung, Simulatortraining, Sportausbildung und Werkstattarbeit an unseren Flugzeugen nun die letzte Phase an: Ein Lehrgang am Flugphysiologischen Institut in Königsbrück mit Theorieunterricht, Sporteinheiten, Disorientierungstraining und nicht zuletzt auch einer Höhenkammersimulation, bei der wir etwaige Sauerstoffmangelerscheinungen beim Fliegen in großer Höhe am eigenen Leib spüren sollten…

Als ich den grauen Helm über den Kopf ziehe, biegen sich kurz meine Ohren um. Ich schüttele mich, blicke verstohlen in den Spiegel an der Seite. Ich sehe aus wie ein Jetpilot. Hinter mir bekommen Joachim und Daniel gerade von einem der technischen Betreuer eine Atemmaske angepasst. Mein Spiegelbild dreht sich souverän zur Seite und beginnt, die Kabel, welche mit Elektroden an meiner Brust angeklebt sind, vom Kragen her zu ordnen. Ich mache es ihm automatisch nach.

„Sie sehen nervös aus. Geht es Ihnen gut?“, fragt einer der Techniker und kontrolliert den Sitz meines Helms. Ich setze ein Grinsen auf und verheddere mich prompt mit der Unterlippe in der Maske, die mir samt Schlauch vors Gesicht gehalten wird. „Ich denk schon“ – meine Stimme hallt im Sauerstoff-Schlauch wider. Pusten, zuhalten, drücken, der linke Riemen gehört noch fester, und schon ist alles so weit.

Als letzter der vier Piloten betrete ich die dunkle, stählerne Kabine, suche meinen Sitz und schließe mich erst an die Datenkabel, dann an das Sauerstoffgerät an. Es sieht sehr, sehr ungemütlich aus und ich hoffe nur, dass die Mediziner und Ingenieure, die sich jenseits der zentimeterdicken runden Glasfenster vor ihren Bildschirmen sammeln, ihr Handwerk wirklich verstehen. Per Headset bekommen wir einige letzte Anweisungen, dann die Checkliste zur Sauerstoffkonsole durchgegeben. Durch den Atemschlauch fließen jetzt mit jedem Zug 100 Prozent Sauerstoff in unsere Lungen. Ich sehe, wie Fabian Peitz neben mir die Beine ausstreckt und konzentriert zu atmen beginnt. In den nächsten zwanzig Minuten müssen ein Drittel des Stickstoffanteils in unserem Kreislauf abgeatmet werden, um das Bilden von isolierten Gasblasen bei den nachfolgenden Tests zu verhindern.

„Wir werden jetzt einen Probeaufstieg auf 8000 Fuß simulieren, mit einer Druckabnahme entsprechend 4000 Fuß pro Minute. Halten Sie den Druck in den Ohren durch Schlucken oder Gähnen möglichst konstant. Noch Fragen? Also los.“

Nach einer knappen Dreiviertelstunde beginnt der Helm, schrecklich an der Kopfhaut zu drücken. Ich versuche mich abzulenken, konzentriere mich auf die Regelkonsole und versuche, das Anzeigeinstrument an der Decke der Unterdruckkammer zu lesen. Es zeigt eine simulierte Höhe von genau 25000 Fuß: Wir sind jetzt am Rand der „Todeszone“ angekommen. Es knackt wieder in den Ohren, aber diesmal ist es nicht der Druckausgleich, sondern der Kopfhörer.

„Plätze 2 und 3, sobald Sie bereit sind, werde ich Sie von der Sauerstoffversorgung trennen. Sie werden dann für einige Minuten dem um zwei Drittel verringerten Atemluftdruck ausgesetzt sein. Sobald Sie an ihrem Körper deutliche Symptome des Sauerstoffmangels erkennen, sollen Sie diese zeitgleich melden und sich selbstständig wieder an den Sauerstoff zuschalten. Heben Sie den Daumen, wenn Sie soweit sind.“

Ich sehe zu Fabi hinüber, dann geben wir das Zeichen. Unsere Regler schalten ab. Alle Aufmerksamkeit liegt auf dem Moment.

Als ich wieder einatme, kommt plötzlich nichts mehr. Ein, aus. Ein, aus. Unwillkürlich sauge ich die Luft tiefer herein als sonst und erkenne, wie nichts mehr zueinander passt: Die Atmung nicht zum Lungenbedarf, das Gefühl der Sättigung tritt nicht wie sonst ein, wie beim Übergang in den Anaeroben Bereich beim Ausdauersport. Als Langstreckenläufer fühle ich mich der neuen Situation locker gewachsen und bin gespannt, was weiter ist. Es passiert lange Zeit nichts.

In der Vorbereitung habe ich genau gelernt, was  gerade in meinem Körper vorgeht. Durch den geringen Luftdruck und den im gleichen Maß verringerten Sauerstoffteildruck tritt eine akute niedrig…. Unter, äh, sättigung des Blutes ein. Herz- und Atemfrefrefrequenz steigern sich, um in der Lage Herr, also fertig, äh, zu werden, aber trotzdem reicht die Luft nicht ein, aus. Und dann…. Achso, schnell schnell werden viele Org– organenfunktionieren stark eingeschenkt: Sprachenzentrum, verschiedene Seebereiche und der Gehirnsinn… Aber was ist denn ein Gehirnsinn??!!

Ist mir jetzt auch egal. Der Blick aus dem Helm verschwimmt, ich muss die Augen genau auf einen Punkt zwingen und sehe, wie die lustigen Farbstreifen gegenüber an der Wand recht schön leuchten. Die Füße sind auch irgendwie noch da, es kribbelt lustig, und kalter Schweiß steigt die Beine hoch. Ob es wohl bald auch oben im Hals kribbelt? Schwindlig wird mir, aber nur wenn ich einatme. Wie beim Hyperventilieren, ja, wahrscheinlich hyperventilier ich. Oder nein, nein, ich krieg ja gar keine gescheite Luft, geht ja gar nicht. Das sind alles Höhenkammer-Sachen.

Auf einmal höre ich im Kopfhörer Fabis Stimme, er redet über Lufthunger und Dunkelheit. Ach ja, das Melden müssen wir ja auch machen. Als er fertig ist, überlege ich, denke noch mal nach, kombiniere haarscharf im Kopf und fange dann an zu reden: „Platz zwei. Kribbelt in den Füßen. Kalter Schweiß. Schwindel beim Einatmen. Ahh.“ Die Antwort kommt prompt: „Platz zwei, verstanden.“ Und nach einer kurzen Pause klingt es freundlich, aber bestimmt: „Platz zwei, und was könnten Sie gegen die Symptome unternehmen?“ Fröhlich gebe ich zurück: „Absteigen könnt ich, oder preßatmen!“, und bin froh, dass ich etwas weiß. Stattdessen kommt nur, diesmal in einem sehr forschen Ton: „Platz zwei, das ist korrekt, aber als allererstes könnten Sie ganz einfach die Sauerstoffversorgung wieder in Gang bringen.“ Ich nicke langsam und bedächtig. „Also dann TUN Sie das auch.“

Ach so. Ich schaue nach links unten, suche mir aus den drei oder vier Hebeln der Konsole den schönsten aus, dann überlege ich, ob es der richtige ist. Was steht da? Der gebogene Hebel, wie vorhin beim Üben. Da.

Zwei, drei tiefe Atemzüge später weiß ich, dass alles passt. Ich höre unvermittelt auf, außer Atem zu sein, lehne mich zurück und folge wieder den Anweisungen im Kopfhörer. In den Ohren pocht immer noch das Blut, als wir einige Zeit später wieder langsam auf Meereshöhe heruntergefahren werden.

Über Königsbrück strahlte ein tiefblauer Frühlingshimmel.

Das nächste Kapitel

Januar 9, 2011

Das Jahr Zweitausendelf begann für mich am dritten Januar auf dem Bahnsteig 2 in Dillingen an der Donau. Ich befand mich seit gerade zwei Wochen wieder zurück in Deutschland, und zwei Wochen lang hatte ich die Kälte dort mehr oder weniger erfolgreich zurückgedrängt. Jetzt allerdings war es anders. Mir fiel auf, dass ich in den paar Stunden Zugfahrt zum ersten Mal seit vielen Tagen wieder alleine war.

Ich fror.

Dann warf ich einen Blick auf die Uhr, auf den Stadtplan, auf die ausgestorbene Hauptstraße des Städchens, dachte nichts, und lief los.

- Der Kaserneneingang ist von einem relativ schwer bewaffneten Soldaten in Grün bewacht. Er grüßt mich nicht (wahrscheinlich darf er das gar nicht), aber zumindest bedroht er mich auch nicht. An der Pforte kontrolliert man meine Papiere und beschreibt mir den Weg durch das mit Beton und Stacheldraht ummauerte Gelände, zu etwas, das wohl „Einschleusung“ genannt wird. Mit gesenktem Kopf gehe ich davon und lasse mir viel, viel Zeit.

Aber ich habe es ja so gewollt, denke ich mir auf dem Weg zwischen abgestellten, grüngrauen LKWs und merkwürdig im Weg geparkten Panzerfahrzeugen. So blöd es auch klingt, es stimmt. Seit ich fliegen kann, seit über fünf Jahren, habe ich zuerst geträumt, dann gewünscht, schließlich gehofft, dass ich genau heute hierher kommen darf. Und jetzt bin ich hier, stelle meine Sporttasche zu den zahllosen anderen auf dem Fußboden des Gebäudes, und beginne eine Unmenge von Formularen zu füllen und unterschreiben. Alles, ohne dem äußerst grün gekleideten jungen Mann am Schreibtisch ins Gesicht schauen zu können.

Ich bin jetzt Segelflug-Sportsoldat der Bundeswehr und damit einer der sechs am intensivsten geförderten Piloten Deutschlands.

Nach sechs Wochen militärischer Grundausbildung wird es unsere „berufliche“ Aufgabe sein, einen Sommer lang Trainingslager und Wettbewerbe in ganz Europa zu fliegen. Die leistungssportliche Chance, die sich in dieser Zeit bietet, ist für mich fast mit nichts anderem aufzuwiegen. Es war mein am besten gepflegter und behüteter Traum, und ich habe jahrelang darauf hingearbeitet, hier genommen zu werden.

Es ist mir sogar wert, dafür eines meiner Prinzipien zu brechen: Zum Bund wollte ich als Kind ganz sicher nicht gehen. Demensprechend unsicher und fehl am Platze fühle ich mich, als ich wenige Minuten später in einen großen Warteraum trete und mich auf einem freien Stuhl niederlasse. Verunsicherte Blicke unterschiedlichster Art treffen sich im Raum, auf der Leinwand vorne läuft ein Film über Panzer und Gewehre, und hin und wieder wird jemand unsanft in den Nebenraum kommandiert. Wo wohl die anderen Segelflieger sind? Sind sie schon da?

Keiner der Rekruten spricht ein Wort.

Wieder kommen zwei Neue an und setzen sich in meine Nähe. Sie sprechen  mit gesenkter Stimme, und erstmals seit Stunden höre ich wieder jemanden lachen. Immer wieder sehe ich verstohlen hinüber und suche automatisch den Blickkontakt. Als wieder jemand aufgerufen wird, muss ich aufstehen um ihn durchzulassen. Dabei fällt mein Laufzettel auf den Boden, auf dem mein Name steht. Einer der beiden reckt kurz den Hals, und dann -

„Benni????“

Ich beginne unweigerlich zu lachen, hole meinen Zettel vom Boden und bleibe auf dem Rückweg am Gang knien. „Seid ihr’s? Marco Heitmann und… und…“ – „Fabian Peitz“, stellt sich der andere junge Mann vor und wir sind plötzlich zu dritt. „Joachim Schwenk ist schon reingerufen worden, weiß irgendwer wo Daniel Pietsch ist?“

Kurze Zeit darauf ist die Mannschaft vorerst komplett. Der sechste im Bunde, Sebastian Nägel, weilt im Moment noch in Chile und hat die Grundausbildung schon im letzten Jahr absolviert.

„Cool, dass wir alle hier sind. Aber die erste Zeit wird ganz sicher nicht besonders lustig…“

Und an dieser Stelle ist es Zeit, den vorläufigen Trainingsplan zu veröffentlichen. Nicht immer werden wir alle miteinander fliegen, aber meistens mindestens zwei oder drei Sportsoldaten auf einem Event zu finden sein. Für uns alle wird der Sommer 2011 bereits im März beim Training in Südfrankreich beginnen. Im April dann fahren Daniel und ich auf den internationalen Wettbewerb in Prievidza (Slowakei), woraufhin das D-Kader-Trainingslager in Eichstätt bis in den Mai reicht. Bis Ende Juni werden mindestens Fabi und ich für über einen Monat nach Schweden fahren, um in Arboga und Eskilstuna mitsamt Arcus und Frauen-Nationalmannschaft zu trainieren. Zurück in Deutschland stehen für mich die Quali-Wettbewerbe in Bad Sobernheim (Clubklasse) und Ansbach (Standardklasse) an, dazwischen liegt der internationale Militärwettkampf in Holzdorf bei Berlin.

Abschließen werden wir das Jahr wiederum mit einem Training in Südfrankreich, bevor der Weg uns wieder ins „normale“ Leben zurück führt.

- Aber was ist schon normal?

Die anderen Alpen

November 14, 2010

Siebter November.

In der Hitze des frühen Sommers flimmert die Luft über der braunen, vertrockneten Graspiste. Der leichte Südwest lässt die wenigen kahlen Bäume am Rand des Flugfeldes rauschen, sonst ist es still. Geregnet hat es in den letzten Wochen kaum – eigentlich über den ganzen Winter nicht viel.

Die Hochdruckwetterlage hat sich weiter etabliert und um die kahlen, baumlosen Nordflanken der umliegenden runden Bergzüge sammeln sich erste schlanke Wölkchen. Die Sonne sticht so heftig, dass keines der hinter und neben uns aufgereihten Segelflugzeuge lange ohne Haubenbezug bleibt. Hut und Sonnencreme (Schutzfaktor 30+) sind absolute Pflicht.

Die dunkelblau getönte Kabinenhaube des Duo Discus X schliesst sich, und wie immer, wie viele hundert Male zuvor, gehe ich durch die Checks, prüfe hier einen Schalter, da einen Hebel, dort einen Knopf, drehe den Höhenmesser auf das QNH: 1400 ft AMSL. „Okay I’m ready to go, and you?“

Man könnte jetzt fragen, warum redet er Englisch, er könnte ja auch Deutsch reden, oder etwa nicht, warum macht er denn das. Oder, warum ist der Höhenmesser in Fuß und nicht in Meter, warum tragen die Nordseiten der Berge Thermikwolken, warum hat es im Winter nicht geregnet, warum ist es im November so heiß, und warum erzählt er uns das überhaupt?

Aber… okay.

Justin Wills auf dem Copilotensitz der „Romeo Whiskey“ bestätigt: „Let’s go“, als von rechts die rotweiße Schlepp-Pawnee von GlideOmarama.com ins Bild rollt. Der trockene Boden ist hart wie eine Asphaltpiste, wir heben ab – sind unterwegs.

In der Luft lernen wir uns kennen. Justin kurbelt routiniert und steigt am Hausberg, dem mit verbranntem Gras überwachsenen Mount Saint Cuthbert an allerlei Ein- und Doppelsitzern vorbei. Dabei stellt er Fragen über meine fliegerische Vergangenheit, meine bisherige Reise durch Neuseeland, sowie über den eigentlichen Grund meines Besuches hier: meine journalistische „Mission“.

Während mein Blick ruhelos über eine der vielfältigsten Kulissen wandert, die ich je überflogen habe, erzähle ich, wie ich per Anhalter von Auckland hierher in den Süden gepilgert, und wie ich als Reporter für das „Segelfliegen“ -Magazin letztendlich hier gelandet bin, im ultimativen Segelflugparadies des Planeten.

Unter der hellen Wolkenbasis in 7000 Fuß klingt die Unterhaltung fast so, als säßen wir uns an einem Tisch gegenüber – einem leicht turbulenten Tisch allerdings.

Die Aufwinde am Rande des Omarama-Basins hier im Herzen der Südinsel nehmen wir im Geradeausflug. Immer wieder kommen sechs bis acht Knoten von unten (4-5 m/s) und bringen uns schnell an den Rand des Ahuriri-Valleys. Während die Landschaft beginnt, sich tief unter uns durchzuschieben, habe ich jetzt Zeit, mich umzusehen.

Unter und hinter dem kleinen weißen Flugzeug liegt das trockene, wüstenartig gelb-braune Grasland der weiten MacKenzie-Ebene. Zwei Landstraßen und die Ortschaften von Omarama und Twizel sind im gesamten Blickfeld die einzigen Zeichen von Zivilisation. Doch vor uns, weiter im Westen, wartet die eigentliche Wildnis: Jenseits der spiegelglatten Seen von Tekapo, Pukaki und Ohau mit ihren intensiv türkisen Farbtönen erstreckt sich eine andere Welt – die Southern Alps.

An den Flanken des breiten Tals, in dem tief unten der vielfach verzweigte Ahuriri-Fluss verläuft, steigt die Wolkenbasis weiter an und der Weg in die neuseeländischen Alpen ist frei.  „Not too bad“, kommentiert mein Reiseführer die Lage.

Ein anderer Duo – es ist Gavin mit einem Kunden der Mountain Soaring School auf dem Frontsitz – zieht mit uns nach Westen. Magic Mountain, Dingle Burn, Hunter Valley heißen die Punkte unter uns und machen ihren abenteuerlichen Namen alle Ehre. Wer hierher gelangen will, muss zwei oder drei Tage lang wandern – oder eben fliegen.

Je näher wir an die „Main Divide“, den Hauptkamm des Gebirgszuges, herankommen, desto wilder wird es. War der Talgrund gerade noch mit Steinen und Gras bedeckt, reicht am Talschluss vor uns schon bald ein dichter, dunkelgrüner Regenwald bis etwa auf die halbe Höhe der sonst felsigen Berge herauf – Zeuge des häufigen, meist heftigen Regens, der von der dauernassen Westküste über das Gebirge schwappt.

Darüber kommt das Eis. Teilweise als Kuppen mit stark überhängenden Rändern, manchmal schichtenweise sitzt es – nicht unähnlich der europäischen Alpinlandschaft – auf den Hängen. Der Schatten des Flugzeugs huscht wenige hundert Fuß darüber. „Gavin hat hier früher immer für das Department of Conservation Lawinenbomben abgeworfen. Handgezündete Sprengsätze. Aus der Piper Cub.“

Ich bin auf dem vorderen Sitz sehr still geworden, lasse die Bilder auf mich wirken und sauge alles auf. Bewege Knüppel und Pedale wie automatisch in der starken Thermik und folge den Wolken und Gipfeln.

Wohl um das Gespräch aufrecht zu erhalten, erzählt Justin Wills ein wenig von seinen Lieblingsplätzen im Gebirge. Wildromatische Bezeichnungen wie Diamond Lake, Mount Aspiring und Forgotten Valley beginnen im Cockpit wie Schmetterlinge herumzufliegen. Dann sagt er „I have control“ und beginnt, das Flugzeug geschickt um die beschneiten Felsen und durch versteckte Einschnitte nach vorne zu führen, springt blitzschnell über ein enges Tal und bringt uns, purer Intuition folgend, immer tiefer in das Land von Eis und Felsen hinein. Es ist ein vollendeter Tanz mit Sonne und Wind.

Justin fliegt dichter am Gelände, als ich es mich traue, und folgt den Luftströmungen um die vereisten Gipfel wie einem unsichtbaren Pfad. Dann dreht er ein und lässt mich nach links sehen: „Mount Brewster, mein Lieblingsberg. Hier fliege ich immer hin, wenn es geht, und dann – warte, ich zeig’s dir.“

Gespannt lehne ich mich nach vorne und beobachte, wie Justin den Duo Discus mit hoher Fahrt schräg über den Grat auf die Nordseite treibt. Es trägt sofort, und nach einigen Achten – wir sind noch unter dem Gipfel – fliegt er eine weite schleife ins Tal hinaus. „I was just testing…ahm…yer straps secure?“ „Yea“, antworte ich mit angewöhntem Kiwi-Akzent. Dann zieht Justin die Bremsklappen. Ich bin zu verwundert, um irgendwelche Fragen zu stellen. Der Gipfel des Brewster beginnt über uns zu wachsen und der Höhenmesser spult die Fuß zurück. Es knackt in den Ohren. Gerade, als ich die letzte Möglichkeit, wieder auf die andere Seite zu fliegen, immer flacher werden sehe, fahren die Klappen ein und Justin hält genau auf eben diese Scharte zu. Wir kommen dicht an die Wand… Als wir die Turbulenz des Aufwindes spüren, wird der Winkel steiler. Dann gibt Justin Gas und stößt über den Grat auf die andere Seite des Berges hinab.

Es ist, als wären wir in eine andere Dimension geraten. Ich bin so überrascht, dass ich nichts sagen und nichts denken kann. Direkt vor uns, wenige Meter unter unseren Flügeln, liegt eine ausgewachsene, strahlend weiße, kilometerlange Gletscherzunge, die um eine flache Rechtskurve sanft nach Süden abfällt. Wie auf Schienen folgt das Flugzeug dieser Kontur, der Gleitwinkel bei 110 Knoten (200 km/h) genau ans Gelände angepasst. Weiß, unendlich weiß scheint Licht aus allen Richtungen in die Kabine. Wir pfeilen entlang, das Flugzeug nur meterhoch über seinem eigenen Schatten.

Dann ziehen wir hoch. Ich bin völlig durcheinander. Justin bringt das Flugzeug gleich dicht an den Berghang, der Westflanke wieder auf die andere Seite folgend. Der Hangaufwind empfängt uns, als wäre nichts gewesen. Im schwachen Steigen beruhigt sich mein Puls und ich stammle irgendetwas von „amazing“ und „brilliant“. „Not too bad“, kommentiert Justin trocken. „Wanna do it again?“ Ich lache – so ist das also. Dann erklärt er: „You have control…“

Mit gebührendem Sicherheitsabstand wiederhole ich das adrenalinhaltige Manöver und entdecke, dass das eigentlich wie Skifahren ist – nur schneller und irgendwie sympathischer. Nach dem Ausstieg, als wir in einigem Abstand nochmals auf Brewster Glacier zurückschauen können, stelle ich mir vor, wie es wäre, die ganze strahlend weiße, unberührte Gletscherzunge von Liftmasten, Pistenraupen und Skifahrern übersät zu finden, die Oberfläche grau und zerfurcht, am Besten noch ein Parkplatz unten am Fuß… aber zum Glück sind wir hier nicht in den Tuxer Alpen und die einzige Ortschaft weit und breit, Wanaka (5000 Einwohner), liegt etwa 70 km im Süden.

Die Spielerei hat ihren Preis: Der Weg aus dem Gewirr von engen Tälern, die wir nun relativ tief durchqueren müssen, führt in schwachem Steigen und niedriger Basis nah am Gelände nach Westen. Hier ist kein Platz für Fehlentscheidungen und ich bin froh, das Steuer wieder an Justin zu übergeben.

Als wir wieder über den Gipfeln sind, frage ich ihn, wo wir als nächstes hinfliegen. „Oh, uhm… all the places I told you before!“

Wir fliegen nach Südwesten, direkt am Hauptkamm entlang. Von der Westküste drängen tiefe, dichte Wolken über die haarscharfe Klima-Trennlinie der Insel. Dann stürzen sie auf der Südseite herab und lösen sich augenblicklich auf – wie im Lehrbuch. Ich habe schon zum zweiten Mal die Batterien der Kamera gewechselt: Auch wenn die Basis nicht besonders hoch ist, ist es relativ kalt hier. Fotomotive, soweit das Auge reicht; manchmal muss ich mich wirklich zwingen, die Kamera in der Seitentasche zu verstauen und einfach nur rauszuschauen.

Eine Matterhornartige Felspyramide, die ihre Umgebung verheißungsvoll überragt, kommt in Sicht. Wir beeilen uns, näher zu kommen, und ich beschließe, dass mich ab jetzt gar nichts mehr überraschen kann. Der Tag hatte schon zu viel Wunder in sich.

Dann kommen wir von der diesigen Basis einiger breiter Quellwolken plötzlich ins Licht, und sind auf einmal näher als ich erwartet hätte. Mount Aspiring liegt direkt vor uns, und einmal mehr packt mich die inspirierende Ausstrahlung dieses Landes.

Auf jeder der drei Seiten des Riesen rinnt ein Gletscher herab, und der mächtigste von ihnen, Volta Glacier, windet sich in leuchtendem Hellblau auf der Nordwestseite herunter. Noch einmal kurbeln, dann sind wir hoch genug, um „round the back“, direkt an der Eiskante entlang zu fliegen.

Als ich die Kamera hervorhole, sind wieder einmal die Batterien leer. Ich habe nicht genug Reserve mitgenommen und hoffe, dass die alten noch ein wenig länger halten. Links saust der blaue Gletscher entlang. Hastig schließe ich das Batteriefach und will den Apparat einschalten, das Objektiv erwartungsvoll durch das offene Fenster auf die Eisabbrüche gerichtet. „ON“, drücke ich. „ON!“ sage ich. „ON“, mit Nachdruck. Nichts bewegt sich. Das kann nicht sein… nicht jetzt, nicht hier. Ich wechsle noch einmal. Wieder nichts – nicht mal das blöde Batterie-Warnlicht geht an. Was ist denn los?

Ich lege die Kamera beiseite und versuche, wenigstens mit den Augen einen guten Blick zu bekommen. Draussen ist alles blau – tief unten in den Spalten leuchtet jahrzehntealtes, verdichtetes Eis. Hoch darüber streben die Steilwände zum Gipfel hinauf. Die Gletscherzunge teilt sich, verzweigt sich, fließt weiter unten wieder zusammen, zwei der Eisströme überkreuzen sich. Die schiere Größe dieser Gestalten im Vergleich zu unserem winzigen Flugzeug ist, wie Justin sagt, „not too bad“.

Sobald wir uns vom Berg entfernt haben und weiter nach Südwesten streben, nehme ich mir wieder die Kamera vor. Nach einigen Tests und Kontrollen finde ich heraus, dass auf der Innenseite des Batteriefachs ein winziges Plastikteil an der Seite herausgebrochen ist und sich es jetzt zwischen Kontakt und Batterie gemütlich gemacht hat. Hm. Irgendetwas langes, spitzes zum Stochern, und das Problem sollte erledigt sein.

Nach Minuten des verzweifelten Herumkramens und Suchens ist klar, dass Flugzeugcockpits so gebaut sind, dass eben gerade nichts langes spitzes darin zu finden ist. Vor uns kommt die majestätische Wand des Mount Earnslaw ins Blickfeld…Verflucht…

Dann komme ich endlich drauf. „Justin, do you have a biro or something in the back?“ Ein Kugelschreiber. „Natürlich…“ Ich erkläre, stark vereinfacht, was geschehen ist, und bohre kurz darauf mit der Mine des Stiftes im Batteriefach herum. Irgendwann ist das Plastikteil lose und rutscht heraus. Die Kamera blinkt wieder – gerade rechtzeitig, um den Anflug auf die Felstürme gegenüber von Lake Unknown festzuhalten, dahinter Lake Wakatipu, dann Earnslaw und die Traverse über Greenstone Valley. Durch eine Scharte im Westen sehen wir sogar kurz den Ozean.

Während des ganzen langen Fluges hat Justin einen merklichen Ehrgeiz entwickelt, mir möglichst alle Orte und Tricks zu zeigen, die er in diesem Fluggebiet kennt und mit seiner britischen Trockenheit als hochgradig „not too bad“ einstuft. Das ultimative Ziel: Milford Sound, der wahrscheinlich bekannteste Ort in ganz Neuseeland. Hierher mit dem Segelflugzeug – das haben bisher die wenigsten gemacht. Ich verstehe warum: Das Gebirge wird immer schroffer und unübersichtlicher, die Feuchtigkeit nimmt wegen der von Fjorden, also Meeresarmen durchzogenen Täler deutlich zu – die Wolken verhüllen sogar die höchsten Gipfel. Landemöglichkeiten, so erklärt Justin Wills, gibt es allerdings genug. Man muss sich eben nur zwischen Süßwasser und Salzwasser entscheiden.

Um all diesen Problemen zu entgehen, zieht Justin seinen letzten Joker. Er sucht sich einen starken Aufwind, der weit genug von den Felsen entfernt ist, und steigt schlicht und einfach in die Wolke hinein, klammert sich im fahlen Nichts des dichten Wasserdampfes im engen Kreis fest.

Während die Wolke uns langsam nach oben hebt, spricht im Cockpit niemand ein Wort. Links und rechts verschwinden die Flügel im Dunst, sonst sieht man nichts. Dann, ganz plötzlich, in zehntausend Fuß, werden wir ausgespuckt. Von einer Sekunde auf die andere wird alles hell, und dann liegt ganz Fiordland vor uns. Ein langer Gleitflug zwischen den Wolken, einen weiten Bogen um einen hohen Turm herum: Dann taucht etwas blaues zwischen den schwarzen Felsen auf. Milford Sound. Justin ist zufrieden. Dieser Kulisse gönnt sogar er ein „It doesn’t get any better than this.“

Eine weiterer Steigflug durch die Wolken bringt uns wieder ins normale Thermikland zurück. Auf dem Rückflug nach Omarama übernehme ich das Steuer endgültig. Nach all den Kapriolen und Spezialübungen…ist mir bei dem erneuten Weg durch das wilde Gelände nun schon deutlich wohler zumute. Mit den Alpen in Europa ist es aber dennoch nicht zu vergleichen.

Dazu ist es schlicht und einfach zu weit entfernt.

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Die Wochen in Omarama sind mit Fliegen, Mithelfen, Interviewen und Schreiben  wirklich wie im Flug vergangen. Was dabei letztlich herausgekommen ist, gibt es voraussichtlich im Segelfliegen Magazin 2/2011 zu lesen: Was hinter der Kulisse des Segelflugparadieses Omarama vorgeht, welche Menschen dahinter stecken, welche Spuren Grand Prix und Weltmeisterschaften hinterlassen haben sowie was geschah, als Terry Delore mir eines Tages den hinteren Sitz seiner ASH 25 Mi anbot…


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